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Das Land des Drachen (K)
Die Heldin von Fredenland (V)
Das Märchen vom Gespenst,
das eine Prinzessin liebte (K)
Der Fluch der Hexe (V)
Die Traumprinzessin (V)
Jergons größtes Abenteuer (V)
Lysanda (K)
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Es war einmal im fernen Orient.... So oder ein wenig anders beginnt die Geschichte über den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse.

Ein Märchen über einen Herrscher aus dem Morgenland, seine beiden Töchter, von denen eine gut und eine böse ist.
Ein Märchen von weisen Zauberern, grausamen Magiern, schönen Sklavinnen und beherzten Amazonen.
Ein Märchen, das von einem mutigen Bettler erzählt wird, der eigentlich ein Prinz ist, dazu bestimmt die Prinzessin zu retten.
Eine alte Prophezeiung, ein Fluch, ein geheimnisvoller Zauber, eine Schiffsreise zu einer verwunschenen Insel, Amulette, Drachen und Zaubertränke.
All dies und noch viel mehr findet Ihr in "Das Land des Drachen".

Zum_Seitenanfang © 2003 by C. Hüsing Zum_Seitenende

Die ersten Strahlen der Sonne schimmerten auf dem grünlichen Wasser eines Sees, an dessen Ufer ein winziges Fachwerkhaus stand. Die Nebelschwaden, die über dem Weiher hingen, lösten sich allmählich auf und wenn man die Ohren spitzte, hörte man in den Wipfeln der Bäume das leise Gezwitscher der Vögel, die den Wald nahe Goldenbrunn im Königreich Fredenland bevölkerten. Die morgendliche Ruhe an diesem idyllischen Ort ließ nichts von dem Leid der Fredenländer ahnen, das die Folge einer langen Reihe von Ereignissen in einer noch längeren Reihe von Dekaden war.
Zahlreiche Könige, von denen die meisten klug und weise geherrscht hatten, hatten auf dem Thron des kleinen Königreiches gesessen, aber keiner von ihnen hatte verhindern können, dass eines Tages große Not und unsagbares Elend über Fredenland gekommen. Die Mächte des Bösen hatten in Person des finsteren Schwarzmagiers Orargos die Macht an sich gerissen. Der neue König war schwach dem finsteren Mann hörig. Und so war er es, der eigentlich das Reich beherrschte. Von den Bauern forderte er mehr Steuern als sie bezahlen konnten und vom König Gold und Juwelen. Seine Macht war so groß, dass es ihm sogar gelungen war, sich einen Drachen untertan zu machen. Gleich einem Hofhund bewachte der Drache die Burg des Magiers, die sich in einem finsteren Gebirge weit im Norden des Königreiches befand. Die Fredenländer fürchteten das Gebirge und hielten sich angstvoll davon fern, denn jeder wusste, dass dort grauenhafte Dinge vor sich gingen.

Gerade glitzerten die ersten Strahlen der Morgensonne auf dem Wasser des schon erwähnten Weihers, als die Fensterläden des Häuschens aufgestoßen wurden und ein junges Mädchen heraus sah.
"Rosalie, bist Du wach?" hörte man die Stimme eines alten Mannes fragen.
"Ja, Gregorius!"
"Guten Morgen, mein Kind!" Er blieb vor ihrer Tür stehen. "Das Frühstück ist gleich fertig."
Er weckte das Mädchen jeden Morgen um dieselbe Zeit auf dieselbe Art und Weise, doch heute war ein besonderer Tag. Es war der Tag ihres einundzwanzigsten Geburtstages. Rosalie hatte ihn mit stiller Neugier erwartet, denn Gregorius hatte ihr gesagt, dass sie dann ein lange gehütetes Geheimnis erfahren sollte. Sie hatte sich oft gefragt, ob es mit ihren Eltern zu tun haben könnte, die Rosalie nie gekannt hatte. Schon ihr ganzes Leben lang war es Gregorius, der für sie sorgte.
Gregorius war dabei den Tisch zu decken, als Rosalie die winzige Küche betrat. "Setz dich, mein Kind!"
Rosalie war ungeduldig, aber Gregorius schwieg, während sie aßen, aber sie bedrängte ihn nicht mit Fragen.
"Heute ist der Tag", sagte der Alte schließlich. "Heute sollst Du die Wahrheit über deinen Vater erfahren!"
Rosalie horchte auf. "Was ist mit ihm geschehen?" fragte sie.
"Er wurde in jungen Jahren von einem Schwarzmagier ermordet!"
Rosalie schien nicht überrascht zu sein. "War es Orargos?"
Gregorius nickte. "Offenbar hast Du schon von seinen schlimmen Taten gehört."
"Ich habe in vielen Nächten von ihm geträumt. Auch meinen Vater sah ich im Traum." Gregorius nickte. "Du hast die Gabe deiner Vorfahren geerbt. Gavenius, dein Vater, war ein Zauberer auf der guten Seite der Macht. Einst waren er und Orargos Freunde, denn sie lernten die Zauberkunst beide beim großen Barsabas. Doch als ihre Lehrzeit zu Ende ging, trennten sich ihre Wege. Orargos verlor sich auf der Suche nach Reichtum und Macht in den Fängen der schwarzen Magie. Während dieser Zeit zähmte er den Drachen Veromax und machte ihn zu seinem Gefährten. Dein Vater jedoch kam nach Fredenland und wurde ein Freund und Vertrauter des Königsvaters. Als der alte König starb, hinterließ er nur einen einzigen Erben. Doch Valerian war erst siebzehn Jahre alt und geriet unter den Einfluss des Orargos, der den Jungen nach seinem Willen formte. All das Elend unseres Volkes ist sein Werk! Der junge König war hilflos. Dein Vater wollte ihn retten, doch sein einstiger Freund tötete ihn. Kurz vor seinem Tod, als habe er ihn vorausgesehen, bat er mich sein Erbe und sein Wissen an dich weiter zu geben. Und nun ist dieser Tag gekommen!"
Gregorius erhob sich, ging zu der gemauerten Feuerstelle und nahm einen eisernen Feuerhaken, den er in eine unsichtbare Öffnung steckte. Dann drehte er den Ofen zur Seite und eine Treppe wurde sichtbar. Rosalie folgte dem alten Mann hinab in das rote Licht und sah sich in dem Gewölbe um. In den Regalen standen unzählige Flaschen und Phiolen, Töpfe und Schalen. Auf einem Tisch stand ein Gefäß mit einer blutroten Flüssigkeit. Gregorius entnahm einer Truhe ein paar Gegenstände und legte sie auf den Tisch. Es waren ein Dolch, ein Schwert, ein Amulett und ein roter Umhang.
"Gehörte das meinem Vater?" fragte Rosalie.
"Ja!" Er reichte ihr das Amulett. "In dieses Amulett ist die Asche deines Vaters eingeschmolzen und all seine Macht verbirgt sich darin und wird dir nützen. Du darfst es nie verlieren!" Er legte ihr das Amulett um und wies auf die Schale, die auf dem Tisch stand. "Rufe jetzt die Flammen, wie einst dein Vater es tat, und sie werden dir sagen, was zu tun ist!"
Rosalie trat an den Tisch und beschwor die Flammen. Blutrot flackerten sie in dem Gefäß und Bilder formten sich darin. Im Geist hörte sie die Worte ihres Vaters und die Flammen erloschen. Sie wusste nun, was sie zu tun hatte. Sie würde das Erbe ihres Vaters antreten.

Wenig später machte Rosalie sich auf den Weg nach Goldenbrunn. Dort gab es nur eine kleine Schenke, einen Kornspeicher und ein paar Häuser. Auch eine Schmiede und eine Kirche. Rosalie ging zu der Schenke, denn Burbas, der Wirt, verkaufte außer Wein und Kräutergeist auch Pferde. Und ein Pferd würde ihr die Reise sicher erleichtern und sie vielleicht sogar verkürzen. Als sie eintrat, wurde sie von allen Seiten freundlich begrüßt, denn jeder im Dorf kannte sie.
"Guten Tag, Rosalie", begrüßte sie Burbas. "Was führt dich zu mir?"
"Ich möchte ein Pferd und Zaumzeug kaufen!"
Der Mann führte sie durch die Hintertür auf den Hof und hinüber zum Stall. Neun Pferde standen dort, doch Rosalie hatte nur Augen für einen Schimmel, dessen silberweißes Fell in der Dämmerung des Stalls schimmerte.
"Ich möchte den Schimmel haben, Burbas", sagte sie und wies auf das nervös tänzelnde Tier.
"Das Tier ist prächtig, Rosalie, aber es ist ein ungezähmter Hengst. Und er ist sehr kostbar!"
Rosalie öffnete die Faust und zeigte Burbas die Goldmünzen, die Gregorius ihr mitsamt den anderen Dingen gegeben hatte.
"Ich gebe ihn dir nicht gern, Rosalie, denn er ist mir sehr ans Herz gewachsen, aber dafür sollst Du ihn bekommen. Und Zaumzeug dazu!"
"Wie heißt das Pferd?" fragte das Mädchen.
"Pegasus. Denn er ist so schnell, als hätte er Flügel!"
Und so war das Geschäft gemacht. Rosalie führte das Pferd auf den Hof und strich dem nervösen Hengst sanft über die weichen Nüstern. Mit einem Satz saß sie auf und machte sich auf den Weg nach Hause. Bevor sie zu ihrer Reise aufbrach, wollte sie noch ein paar Dinge einpacken und sich von Gregorius verabschieden. Sicher wäre es auch gut noch einmal die Flammen zu befragen.

Als sie sich von Gregorius verabschiedete, wusste Rosalie, dass ihre Aufgabe nicht leicht zu bewältigen sein würde. "Lebe wohl, Gregorius! Ich hoffe, wir werden uns bald wieder sehen!"
"Auf Wiedersehen, mein Mädchen! Viel Glück! Und sei vorsichtig! Mit den Mächten der Finsternis ist nicht zu spaßen!"

Der Königspalast lag ein paar Meilen östlich von Goldenbrunn. Es war ein prächtiger Bau aus Marmor und Granit, der von einem tiefen Graben umgeben war. Man gelangte nur über die Zugbrücke hinein. Wollte man hinüber, so musste man in ein Horn blasen, das an einem Pfahl gegenüber dem Torbogen hing. Auf ihr Signal hin senkte sich die Zugbrücke und Rosalie führte ihr Pferd hinüber.
Ein Söldner trat ihr entgegen. "Was wollt Ihr?" fragte er unwirsch.
"Mein Meister Orargos schickt mich. Ich komme zu einer Unterredung mit dem König!"
"Könnt Ihr euch ausweisen?"
"Eine Dienerin des Orargos braucht sich nicht ausweisen", fauchte sie ihn an. Der Söldner wich erschrocken zurück und ließ sie vorbei. Mit den finsteren Mächten sollte man nicht streiten.
Rosalie ließ sich von einem Lakaien zum König führen. Valerian tollte auf seinem Himmelbett mit einem Dutzend junger Hunde herum und Rosalie trat auf ihn zu.
"Mein König", sagte sie und betrachtete ihn voller Abscheu.
"Wer bist Du, schönes Kind?" lallte er und eine Wolke von Alkoholdunst wallte ihr entgegen. Er war völlig betrunken.
"Ich bringe euch einen Trank von Orargos, der euch stärken soll und...!"
"Gib es her!" Er riss ihr die kleine Phiole aus der Hand und schluckte die Flüssigkeit gurgelnd hinunter. Einen Augenblick lang verharrte er reglos auf dem Bett, dann erhob er sich schwankend. Die Veränderung geschah sehr rasch. Seine Schultern strafften sich, sein Blick wurde klar und er sah sie an. "Ihr seid die Tochter des Gavenius, der meinem Vater ein guter Freund war!"
"Ja! Und ich bin gekommen, um euch und dieses Land von dem bösen Zauber zu befreien, der es befallen hat. Ihr wart in den Händen des Orargos. Seht her, was der Magier getan hat!"
Sie goss den roten Wein in eine Schale und beschwor die Flammen. Entsetzt erkannte der König darin die Verwüstungen, die Orargos Drache angerichtet hatte, das Elend seines Volkes und schließlich das hilflose Wesen, das Orargos aus ihm gemacht hatte.
"Ihr seid von dieser Krankheit geheilt, mein König. Ihr seid nun frei! Ich werde noch heute aufbrechen, um Fredenland ein für alle mal von Orargos zu befreien!"
"Ist denn eure Zauberkunst eine ausreichende Waffe? Soll euch einer meiner Söldner begleiten?"
"Macht euch um mich keine Sorgen, mein König! Wir werden uns bald wieder sehen!" Und ehe er sie aufhalten konnte, eilte Rosalie hinaus.

Sie ritt den ganzen Tag nach Norden und als die Dämmerung hereinbrach, entdeckte sie ein kleines Haus abseits des Weges, wo Licht brannte und klopfte an die Tür. Eine Bäuerin öffnete ihr. "Wer seid Ihr?" wollte sie wissen.
"Mein Name ist Rosalie! Ich suche eine Herberge für die Nacht!"
"Dann kommt herein! Es ist nicht gut des Nachts umherzugehen!"
Rosalie folgte der Frau in die Wohnküche und bot ihr einen Platz am Tisch bei ihren drei Kindern und ihrem Knecht an. Wortlos stellte sie einen Teller Suppe vor sie hin und reichte ihr einen Löffel und einen Kanten Brot.
"Weshalb geht ihr allein auf Reisen? Wer seid Ihr, dass ihr euch nicht fürchtet?"
"Ich bin die Tochter des Gavenius", sagte Rosalie.
"Des Zauberers?" fragte die Bäuerin ungläubig. "Fiel er nicht in die Hände des Magiers Orargos?"
"Ja! Ich bin auf dem Weg zu ihm, um ihn für alle Zeiten an seinem schändlichen Treiben zu hindern!"
"Es ist mir eine Ehre euch zu beherbergen, Herrin! Wir haben viel von eurem Vater gehört! Wir wussten nicht, dass er eine Tochter hat!"
"Niemand wusste das! Zu meinem Schutz hielt man mich verborgen, denn Orargos hätte mich sicherlich getötet!"
"Wir werden in Gedanken bei euch sein, wenn ihr zu ihm gehen wollt! Wenn unser Volk erlöst wird, dann sicher von euch!"
"Ich danke euch! Könnt ihr mir nun zeigen, wo ich schlafen kann, denn ich werde morgen in aller Frühe aufbrechen!"
Der Knecht kam der Bäuerin zuvor. "Kommt! Ich zeige euch eure Schlafstätte!" Er führte sie in eine kleine Kammer.
"Ich danke euch! Gute Nacht!"

Als Rosalie am nächsten Morgen aufbrach, war die Sonne noch nicht aufgegangen und alle im Haus schliefen noch. Sie ritt ohne Pause nach Norden, bis sie an einen großen See gelangte. Der Blaue See war das größte Gewässer in Fredenland und man konnte nur mittels einer Fähre ans andere Ufer gelangen. Rosalie hatte Glück. Die Fähre lag am diesseitigen Ufer und der Fährmann döste in der heißen Mittagssonne.
"Wach auf, Fährmann!"
"Na, na! Schönes Kind, wohin so eilig?"
Sie warf ihm ein Goldstück zu, das er geschickt auffing. "Ans andere Ufer! Rasch!"
"Dafür, meine Schöne, werde ich fliegen!"
Er führte das Pferd auf das schwankende Floß und hielt sein Versprechen. Eilig stieß er das Floß ab und ruderte was das Zeug hielt. Es dauerte kaum eine Stunde, bis sie auf der anderen Seite des Sees ankamen. Dann saß sie auf, winkte dem Fährmann zu und ritt davon.
Am Nachmittag entdeckte sie erste Anzeichen der Herrschaft Orargos und des Drachen. Von einer Bauernsiedlung ragten nur noch die verkohlten Balken des Hauses und der Scheune in den Himmel. Das Unglück musste erst vor kurzer Zeit geschehen sein, denn aus den schwelenden Trümmern stieg Rauch auf. Langsam ritt Rosalie über den Hof, stieg ab und band ihr Pferd an den verkohlten Resten eines Baumes fest. Schließlich wandte sie sich zu der Ruine der Scheune, deren halbhohe Grundmauer noch stand. Unter den herabgefallenen Balken des Daches lagen zwei verbrannte Leichen und Rosalie senkte entsetzt den Blick. Ein leises Stöhnen ließ sie zusammenfahren und sie entdeckte in einer Ecke eine zusammengekrümmte Gestalt. Der junge Mann hatte ein schmutziges, zerkratztes Gesicht und seine Glieder waren unnatürlich verdreht. Seine dunklen Augen waren ohne Glanz und Rosalie sah, dass er im Sterben lag. Sie zog eine Phiole aus der Tasche und flößte ihm eine Flüssigkeit ein, die er mühsam schluckte.
"Es wird deine Schmerzen lindern, doch Du wirst sterben!"
"Wer bist Du?" fragte er schwach.
"Rosalie!"
"Mein... Name ist... Jan!" Er griff nach ihrer Hand und schloss die Augen. Mit einem letzten Seufzer hörte er auf zu atmen.
Rosalie erhob sich und sah auf ihn hinab. So viele Menschen hatten sterben müssen. Sie setzte ihren Weg fort und am Nachmittag erreichte sie das Gebirge der Finsternis und noch in dieser Nacht würde sie Orargos gegenüber stehen.

Rosalie folgte dem Pfad, der durch die felsigen Klüfte hinauf zu der Burg des Magiers führte. Über dem höchsten Gipfel schwebte eine düstere Wolke von schwefliger Farbe, die das Gebirge verdunkelte. Vor langer Zeit hatte sich hier die Erde aufgetan und das schwarze Gestein ausgespieen, doch der Vulkan war erloschen und der Krater verschüttet. Ein eisiger Wind fegte durch die Klippen und Schluchten und Rosalie zog den roten Umhang ihres Vaters fröstelnd enger um die Schultern. Am verhangenen Himmel entdeckte Rosalie zu ihrem Entsetzen die schwarze Silhouette des Drachen. Unwillkürlich umklammerte sie den Dolch, als sie entdeckte, dass das Untier auf sie zuhielt und murmelte eine Beschwörung, die einen Schutz vor dem Drachenfeuer bot. Hastig sah sie sich nach einem Unterschlupf um und entdeckte im letzten Augenblick eine enge Felsspalte und zwängte sich und ihr Pferd hinein. Doch der Drache flog mit lautem Flügelrauschen über sie hinweg und hatte sie offenbar nicht bemerkt. Dann folgte sie weiter dem schmalen Pfad. Der Drache würde sicher wiederkommen.
Die Felsen in dieser Höhe waren zerklüftet und außer grauen Flechten wuchs hier rein gar nichts. Es begann bereits zu dämmern und Rosalie bemerkte den Drachen erst, als er ein lautes Brüllen ausstieß. Sie fuhr entsetzt zusammen und sah hinauf zu dem Untier. Veromax rote Augen blitzten böse, als er den Kopf zurückwarf und Luft holte. Heißes Feuer schoss auf sie zu und prallten von dem Schutzzauber abgelenkt von ihr ab. Erleichtert sah sie, dass der Drache sich wieder in die Lüfte erhob, doch sie wusste, dass sie ihn töten musste. Der Zauber würde nicht noch einmal wirken. Beschwörend hob sie den Dolch in die Höhe und murmelte ein paar weitere Worte, von denen sie nicht wusste, wer sie sie gelehrt hatte und sah den Dolch in den Himmel schnellen. Wie ein lebendiger Pfeil schoss er in den Himmel und bohrte sich in den Schlund des überraschten Drachen. Mit einem lauten Brüllen wollte sich das Untier erneut auf sie stürzen, doch der wütende Dolch in seinem Körper hatte sein Herz in Stücke gerissen. Seine Augen erloschen und dann fiel er wie ein Stein vom Himmel, zerschellte an einem Felsvorsprung und war vernichtet.
Orargos spürte einen Stich, als der Drache starb und schrie laut auf. "Das wirst Du mir büßen", brüllte er und verließ eilig seine Werkstatt.

Rosalie erreichte die Burg bei Einbruch der Nacht. Das alte Gemäuer war von einem blauen Leuchten umgeben und sie fürchtete eine Falle, als sie auf den Hof ritt. Sie umklammerte den Dolch, der mittlerweile zu ihr zurückgekehrt war und stieg vom Pferd. In diesem Moment kam der Magier auf sie zu.
"Großer Meister!" Rosalie verneigte sich. "Ich komme, um von euch zu lernen!"
"Meine Lehrkunst ist teuer, Kind. Was bringst Du mir?"
"Mich und meine Gabe!"
"Dann komm mit mir!"
Er führte sie in die Burg und in einem der Türme stiegen sie eine schmale Treppe hinauf. Er öffnete eine Tür und sie gelangten in einen Rittersaal. Obwohl hier ein Feuer brannte, fühlte Rosalie seine Wärme nicht. Am Ende des Raumes fand sich eine weitere Tür und sie kamen in den zweiten Turm. Als sie die Treppen hinauf stiegen, fragte der Magier: "Wie heißt Du, mein Kind?"
"Rosalie!"
"Nun, Rosalie, ich werde dir jetzt meine Werkstatt zeigen!"
Die eiserne Tür öffnete sich. Zischen und Brodeln und ein schwefliger Gestank drangen aus dem Raum und Rosalie hatte den Eindruck, dass sie soeben die Hölle betreten hatte. Es war der Ort des Schaffens eines Hexers und sie zitterte vor Angst.
"Du bist erschöpft. Du zitterst gar vor Müdigkeit. Ich werde dir deine Kammer zeigen."
"Das wäre wunderbar, Meister."
Die Kammer, in die er sie führte lag hoch oben im Turm und war sehr groß. Ein Bett, Tisch und Stühle und eine Kommode standen darin. Ein hoher Spiegel hing an der Wand, auf dem Boden lagen weiche Bärenfelle und im Kamin brannte ein Feuer. Als sie sich zu Orargos umwandte, sah sie, dass er bösartig lachte.
"Einen schönen Aufenthalt, Rosalie, Tochter des Gavenius!"
"Du Mörder", rief sie.
"Mörder? Du bist nicht besser als ich. Du hast meinen Drachen getötet. Deine Seele und dein Körper sind sicher eine angemessene Entschädigung!"
Dann verschwand er, als hätte er sich in Luft aufgelöst und die Tür war verschlossen. Und sie ließ sich auch nicht mehr öffnen. Weinend sank Rosalie auf ihr Bett.
"Meine Macht kannst du nicht brechen", tönte dumpf Orargos Stimme.

Am nächsten Morgen erwachte Rosalie von den hellen Sonnenstrahlen, die durch vergitterte Fenster fielen. Mitten im Raum stand ein Tisch mit köstlichen Speisen, doch sie rührte sie nicht an.
Und plötzlich stand Orargos vor ihr. "Hattest Du eine angenehme Nacht?"
"Lasst mich in Frieden?"
"Ich werde dich bekommen. Ich habe Geduld und dir soll die Zeit nicht lang werden!"

Und tatsächlich schickte ihr der Magier jeden Tag Bücher, Blumen, um Kränze zu winden, Papier und Tinte. Am zehnten Tag jedoch erhielt sie kostbaren Seidenstoff, Spitzen, Nadel und Faden.
"Näh dir ein Brautkleid, mein Kind", höhnte der Magier.

Und Rosalie nähte das Kleid. Sie würde es an dem Tag tragen, an dem sie frei wurde. Als es fertig war, zog sie es an und betrachtete sich im Spiegel. Das Gewand war wunderschön und hätte Rosalies Anmut sicher noch unterstreichen können, doch sie sah verbittert und traurig aus. Wie sollte es ihr gelingen Orargos Macht zu brechen? Sie war seine Gefangene.
Plötzlich schwang der Spiegel zur Seite und ein junger Mann trat heraus. Rosalie wich erschrocken zurück.
"Habe keine Angst! Ich will dir helfen!"
"Wer bist Du?"
"Ich bin Orargos Sohn Galen!"
"Du nichtsnutziger Abkömmling eines Monsters! Wie willst Du mir helfen?"
"Mein Vater weiß nicht, dass ich hier bin. Meine Geschichte ist kurz. Bitte, höre sie dir an! Mein Vater hatte eine Geliebte, die ihm einen Sohn gebar und kurze Zeit später starb. Er nahm seinen Sohn zu sich und zog ihn groß. Er entdeckte, dass der Junge die Gabe besaß und wollte ihn nach seinem Willen formen. Doch der Knabe war nur zu guten Taten fähig und enttäuschte seinen Vater zutiefst. So wurde er sein Diener und lernte zu hassen...!" Er sah Rosalie an. "Gemeinsam können wir ihn besiegen!"
"Dann lass es uns tun!"
"Komm!" Er nahm ihre Hand und sie stiegen in die Öffnung hinter dem Spiegel, die der Einstieg zu einem Geheimgang war. Galen erklärte ihr, dass er innerhalb der Außenmauer verlief. "Hast Du eine Waffe?" fragte er in die Dunkelheit.
"Ja, einen magischen Dolch, der meinem Willen gehorcht, doch ich weiß nicht, ob seine Macht groß genug ist...!"
"Vergiss nicht, dass auch ich ein Zauberkundiger bin. Mein Plan ist es, meinen Vater betrunken zu machen. Denn in seiner Trunkenheit verliert seine Macht ihre Wirkung und er ist nicht gefährlicher als ein kleines Kind! Wir werden ihm in der Küche ein Mahl bereiten, dass ich ihm bringe und er wird wie jeden Abend reichlich Wein dazu trinken. Wenn ich ihm sein Essen bringe, wirst Du vor der Tür warten, bis ich dir ein Zeichen gebe!"
"So soll es geschehen!"

Galen sah sie aufmunternd an, bevor er mit einem Tablett voller dampfender Speisen den alten Rittersaal betrat und Rosalie verbarg sich im Schatten des Ganges und wartete. Galen stellte die Speisen auf den Tisch und schenkte dem Magier Wein ein, der schließlich hungrig zu essen begann und ihm gelegentlich wortlos den Kelch hinhielt und mehr von dem Wein verlangte. Und nach einer Weile zeigte sich, dass er schon einen gewaltigen Rausch hatte. Seine Bewegungen wurden weich und er lallte beim Sprechen. Orargos war völlig betrunken. Unauffällig entfernte sich Galen vom Tisch und gab Rosalie das Zeichen, indem er leise an der Tür kratzte. Das Mädchen umklammerte den Dolch und trat ein. Und als hätte Orargos ihre Präsenz gespürt, blickte er auf und war mit einem Mal wieder nüchtern.
"Verrat", brüllte er.
Und noch bevor sie wusste, was geschehen war, hatte er einen Lichtblitz auf seinen Sohn geschleudert und dieser war zu Boden gefallen. Es bedurfte keines Blickes, um zu wissen, dass er tot war.
"Du Mörder", rief sie. Und noch einmal sammelte sie alle Kräfte, um sie in ihren Dolch zu leiten und die Waffe glitt ihr aus der Hand, schoss auf den Magier zu und bohrte sich in dessen Herz. Doch kaum war der Körper des Magiers zu Boden gesunken, als die Burg in ihren Grundfesten erschüttert wurde. Staub und kleine Steine rieselten von der Decke und Rosalie wusste, dass sie das Gemäuer schnellstens verlassen musste.

Wenig später fand sie im Burghof Pegasus wieder, der auf sie zutrabte, sprang auf seinen Rücken und ritt durch das Tor, den Pfad hinunter, bis zum Fuß des Gipfels. Erst dann hielt sie das Pferd an und blickte zurück zur Burg. Erstaunt sah sie, dass das Gemäuer einzustürzen begann und aus seinem Innern sprühte eine glitzernde Fontäne aus funkelnden Sternen in tausenden von Farben. Wie ein Schauer regneten sie vom Himmel und überall, wo einer der Sterne den Boden berührte, wuchs auf wundersame Weise eine Blume, ein Grashalm oder der Keim eines Baumes, der sich in den Himmel reckte. Und während der zauberhafte Regen aus Licht und Farben hernieder fiel, verwandelte sich das kahle Gebirge, der schwarze Fels in eine bunte, blühende Wiese. Und die Burg, nunmehr eine Ruine, hatte all ihren Schrecken verloren. Als die sprühenden Funken versiegten, wurde es still. Und aus der Ferne kam ein Mann durch das hohe Gras auf sie zu und blieb vor ihr stehen.
"Vater?" fragte sie überrascht.
"Ja, mein Tochter, ich bin es tatsächlich! Doch kaum mehr als ein Geist, der dir sagen möchte, wie viel Stolz er empfindet. Alles was zerstört wurde, wird sich erneuern."
"Und die Toten?"
"Jene, die noch nicht der Erde anvertraut sind, können leben...!"
"Aber es sind so viele Tage vergangen...!"
"Die Burg des Zauberers war ein Trugbild, die Zeit, die vergangen ist, kaum länger als ein Traum... Du kannst jenen retten, der in deinen Armen starb!"
"Du weißt davon?"
"Im Reich der Toten hört man viel!" Er reichte ihr eine winzige Phiole. "Diese Essenz vergieße über den Toten und sie werden leben! Deine Macht ist dir gegeben, um Gutes zu tun. Stehe dem König zur Seite und gebe denen deine Hilfe, die dich darum bitten! Und nun geh!" Seine Gestalt verblasste und dann war er verschwunden.

Rosalie erreichte den Bauernhof bei Einbruch der Dämmerung und tatsächlich standen das Haus und die Scheune, als sei nie ein Unglück geschehen. Sie ging zur Scheune hinüber und fand die Toten an der Stelle, an der sie nach dem Brand liegen geblieben waren. Dann wandte sie sich Jan zu, kniete vor ihm nieder und öffnete vorsichtig die Flasche. Derselbe Sternenregen ergoss sich über die leblose Gestalt. Und nach einer Weile richtete er sich verblüfft auf und sah sie an.
"Bist Du ein Engel?" fragte er.
"Nein!"
"Dann...!" Er lächelte und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. "Verzeih meine Vermessenheit, doch dies war mehr als ein Geste der Dankbarkeit!" Sie sahen einander an.

An jenem Abend feierten sie ein fröhliches Fest und nahmen Abschied von Jans Familie. Jan begleitete Rosalie, als sie nach Goldenbrunn aufbrach, um die kleine Hütte am See wieder zu sehen, in der alles begonnen hatte.

Zum_Seitenanfang © 2003 by C. Hüsing Zum_Seitenende

Wenn man den Lieblingsdrachen eines trotteligen Zauberers erlegt und der dann auf Rache sinnt, muss man mit dem Schlimmsten rechnen.
Und so wird Prinz Oliver vom Zauberer Oscar in ein Gespenst verwandelt. Doch er spukt nicht lange traurig auf der Höhlenberg Burg, denn nach ungefähr einem Jahr zieht der königliche Hofstaat dort ein.
Es kommt wie es kommen muss: Oliver verliebt sich in die schöne und unbeugsame Prinzessin Cindy. Und nachdem sie einander erst mal kennen gelernt haben, setzen sie alles daran den Fluch zu brechen.
Da kommt es ihnen gerade recht, dass die Fee Lucy, die mit Oscar schon ewig im Clinch liegt, ihnen tatkräftig unter die Arme greift. Und so gelingt es mittels einiger Zaubereien, ein paar vorwitziger Elfen und dem schauspielerischen Können der Prinzessin, Oscars Fluch zu brechen.
Und am Ende wendet sich alles zum Guten, sogar für Oscar.

Zum_Seitenanfang © 2003 by C. Hüsing Zum_Seitenende

Die alte Frau mochte den Bauern nicht. Sie wusste, dass er seine Frau und seine Kinder schlecht behandelte und seine Mägde und Knechte schlug. Er war ein hässlicher, fetter Mann und die Boshaftigkeit glomm in seinen dunklen Augen. Argwöhnisch musterte er die Einsiedlerin, die er insgeheim für eine Hexe hielt, als sie seinen Sohn untersuchte, der sich auf dem Lager hin und her warf. Niemals hätte er sie in sein Haus gelassen, wäre es nicht um seinen Erstgeborenen gegangen. Ein Fieber, das in der Gegend schon viele das Leben gekostet hatte, brannte im schmächtigen Körper des Jungen. Und die alte Frau verstand sich auf die Kunst des Heilens. Das zumindest sagten die Bauern und Siedler, die in der Nähe des Waldes lebten.
"Kannst Du ihm helfen?" fragte er barsch.
Die Alte richtete sich auf und sah den Vater an. "Hättest Du deinen Knecht früher geschickt, um mich zu holen, hätte ich dir sagen können, dass er genesen wird. Jetzt kannst Du nur noch um sein Leben beten!"
"Hast Du keine Medizin für ihn?"
"Doch!" Die Alte zog eine kleine gläserne Phiole aus ihrem Korb. "Nur, ob es ihm helfen wird, kann ich dir nicht sagen!" Sie flößte dem Jungen unter den argwöhnischen Blicken des Vaters den Trank ein. "Morgen komme ich wieder!"

Am nächsten Tag jedoch kamen zwei Gendarmen um sie zu holen. Die alte Frau wusste, was geschehen war. Der Sohn des Bauern war in der Nacht gestorben. Sie ahnte, welches Schicksal ihr blühte, als sie den beiden Männern die Tür öffnete.
"Der Bauer klagt dich an, seinen Sohn verhext zu haben", sagte einer von ihnen. "Du musst mit uns kommen!"
Sie brachten sie an Händen und Füßen gefesselt auf einem Karren in die Stadt und riefen jedem, der es hören wollte zu, dass sie eine Hexe war. Die Alte wurde in den Kerker geworfen und ein Bote zum König geschickt, damit schnell Gericht gehalten werden konnte. Sie wusste, dass ihr Leben zu Ende war. Bald würde sie auf dem großen Marktplatz dem König und Lordrichter vorgeführt und als Hexe verurteilt werden. Und dann würde man sie auf dem Scheiterhaufen verbrennen.

Wie immer, wenn Gericht gehalten wurde, hatte sich auf dem Marktplatz eine große Menschenmenge versammelt. Die alte Frau erkannte die Gesichter derer, denen sie beizeiten mit ihrer Heilkunst geholfen hatte. Von eben diesen wurde sie bespuckt und beschimpft, als der Ochsenkarren, auf dem sie festgebunden war, vorbeifuhr. "Hexe! Hexe!"
Erst als der Wagen vor dem Podium anhielt, auf dem der König neben dem Richter und einigen anderen Männern auf ihr Kommen wartete, verstummten die Stimmen. Ein Gendarm löste die Fesseln der alten Frau und brachte sie zum Fuß der hölzernen Treppe. Sie sah, dass der König ein Zeichen gab. Dann begann der Richter zu sprechen. "Ihr klagt diese Frau an eine Hexe zu sein, Bauer?"
Die Alte erblickte den Ankläger neben sich und sah ihn wortlos an. Einen Augenblick lang erwiderte der ihren Blick, doch schließlich antwortete er dem Richter mit fester Stimme. "Ja, Herr!"
"Was hat sich zugetragen? Erzählt!"
"Mein Sohn war an dem Fieber erkrankt, Herr! Also schickte ich einen Knecht, um sie zu holen. Sie soll sich ja auf die Kunst des Heilens verstehen. Sie gab dem Jungen einen Trank und hat Beschwörungen gemurmelt und den Satan angerufen. Sie ritt auf einem Besen davon und weiße Raben und ein schwarzer Schwan folgten ihr nach!
"Das ist eine Lüge", begehrte die Alte bestürzt auf. Doch im selben Moment bereute sie ihre Worte. Niemand würde ihr glauben.
"Schweig, Hexe!"
"Bauer, schwört Ihr, dass Ihr die Wahrheit sagt!"
"Ich schwöre es! Sie hat ihn verhext! Und nun ist er tot!"
"Hexe, bekennst Du dich schuldig?"
"Weshalb sollte ich mich einer Tat bezichtigen, die ich nicht begangen habe?" fragte sie ruhig.
"Gestehe oder die Folter wird dir das Geständnis entlocken!"
Sie wusste, was die Folter bedeutete. Gestand sie auch dann nicht, würde man behaupten, nur der Satan konnte ihr die Kraft gegeben haben. Auch dies bedeutete den Tod, der ihr in jedem Falle sicher war. "Ich möchte euch sagen, dass der Sohn des Bauern am Schattenfieber litt, dass noch nie jemand überlebt hat. Ich konnte ihm nicht helfen. Niemand konnte das!"
Der König erhob sich. "Ja oder nein?" rief er.
Sie senkte den Blick und schwieg. Was hätte es für einen Sinn, den Vorwurf zu bestreiten? Sie würde sterben.
"Die Hexe ist schuldig", entschied der Lordrichter endlich. "Bei Morgengrauen soll sie durch das Feuer sterben! In den Kerker mit ihr!"
Man brachte die Alte in den Kerker zurück und steckte sie in eine Zelle, von der aus sie durch ein vergittertes Fenster beobachten konnte, wie ein paar kleine Jungen das Holz für den Scheiterhaufen zusammentrugen. Bei Morgengrauen würde die ganze Stadt auf den Beinen sein, um bei ihrer Hinrichtung dabei zu sein. Die Alte hatte schreckliche Angst.

Kurz vor Sonnenaufgang zerrte man sie von ihrem Lager, steckte sie in ein Büßergewand und gürtete sie mit einer Hanfschnur. Dann stieß man sie nach draußen und schließlich stand die alte Frau auf dem Marktplatz. Der Scheiterhaufen war um einen Pfahl herum aufgeschichtet, an den sie gefesselt werden sollte und die Menge bildete einen Kreis darum. Nur der König thronte auf einem Podest und neben ihm stand der Bauer, der sie angeklagt hatte. Ein maskierter Henker führte sie zum Scheiterhaufen und befahl ihr die Leiter hinauf zu steigen, dann folgte er ihr, um sie festzubinden. Ein kleiner Junge kam mit einer brennenden Fackel angelaufen und reichte sie ihm. Der Henker warf dem König einen Blick zu und dieser nickte. Langsam näherte sich die brennende Fackel dem Holzstoß und entzündete ihn. Sie roch den beißenden Rauch grüner Zweige und dann spürte sie die Hitze des Feuers. Die Menge schrie und tobte und wartete auf ihren ersten Schrei. Die Alte war reglos vor Angst. Als ihr Gewand Feuer fing gelang es ihr, eine Hand aus der Fessel zu lösen und dem König, dem Bauern und dem Lordrichter entgegen zu strecken. Ihre Stimme war klar und frei von Furcht, als sie sagte: "Ich verfluche dich, Bauer! Nie wieder sollst Du Frieden finden! Schreckliche Träume sollen dich heimsuchen, Lügner! Und Du, König, sollst nie einen Erben haben, dein Reich soll zerfallen! Dein kommender Sohn soll entstellt sein und keinen Menschen sehen, bis er stirbt!"

Niemand hatte daran gezweifelt, dass der Fluch der Hexe sie treffen würde, doch alle Gegenwehr der Kirchenmänner und Teufelsaustreiber hatte nichts bewirken können. Der Bauer wurde Nacht für Nacht von grauenhaften Träumen heimgesucht und er sollte keinen Schlaf mehr finden. Er wurde darüber wahnsinnig und starb.
Dem König jedoch starben seine drei Kinder und die Königin brachte einen Sohn zur Welt, der fürchterlich entstellt war. Niemals würde er sich unter Menschen wagen können. Also sorgte er dafür, dass das Monster beiseite geschafft wurde und man sagte der Königin, dass der Knabe tot geboren sei. Er trug seinem treuen Diener Johannes auf das Kind in den Wald zu schaffen und zu töten. Dem Diener tat das arme Wesen leid. Er konnte es nicht töten und so brachte er es zu einem Kräuterweib, das ein paar Tagereisen entfernt in einem Wald lebte. Mit dem Kind im Arm klopfte er an ihre Tür.
Eine alte Frau öffnete ihm und sah ihn freundlich an. "Wie kann ich dir helfen?"
"Ich bringe dir dieses Neugeborene!"
Die Alte warf einen Blick auf das Kind. "Wie kommt es, dass es so entstellt ist?"
"Es wurde von einer Hexe auf dem Scheiterhaufen verflucht! Es ist der Sohn des Königs von Birkland! Er hieß mich das Kind zu töten, doch ich brachte es nicht über mich! Wollt ihr es nehmen?"
"Warum kommt Ihr zu mir?"
"Man erzählt sich, dass auch Ihr eine Hexe seid!"
"Ja, das sagt man! Geh jetzt! Ich werde mich des Kindes annehmen!
Johannes verschwand in der Dunkelheit des Waldes und ward nie wieder gesehen.

Toran starrte finster sein Spiegelbild an. Es zeigte das Gesicht eines jungen, gut aussehenden Mannes mit welligen, dunklen Haaren und traurigen, braunen Augen. Wie grausam das Schicksal sich doch zeigte. Der Spiegel war voller Lügen. Er war ein Monster. Klirrend zerschellte der Spiegel am Boden.
"Toran!" Anna sah ihn vorwurfsvoll an.
"Wie soll ich so weiterleben? Ich wünschte, ich wäre tot!"
"Aber, Toran...!"
"Lass mich in Ruhe", rief er und rannte aus der Hütte in den Wald.
Seit zwanzig Jahren führte er dieses erbarmungswürdige Dasein und hatte nie einen anderen Menschen außer der alten Anna gesehen. Der Fluch war wahr geworden. Er war ein Monster. hässlich und furchterregend.

Toran durchstreifte den Wald ohne eigentlich zu wissen, wohin ihn sein Weg führte und plötzlich hörte er Stimmen. Erstaunt hielt er inne. Niemand wagte sich in diesen Wald fernab der Wege, denn es gab Bären und Wildkatzen. Vorsichtig schlich er sich zu der Lichtung, von der die Stimmen kamen und erblickte drei junge Mädchen, die Blumen pflückten und Kränze wanden. Offenbar eine feine Dame mit ihren Zofen. Eine Prinzessin vielleicht. Dann entdeckte er den Bären. Eine der Zofen stieß einen schrillen Schrei aus und lief davon. Die zweite folgte ihr und nur die Prinzessin blieb wie versteinert stehen. Ohne zu zögern zog Toran das Messer, das er im Gürtel trug und stürzte sich auf das Tier. Im gleichen Moment, da er es dem Bären ins Herz bohrte, spürte er dessen Reißzähne in der Schulter, dann fiel das Tier tot ins Gras. Einen Augenblick lang starrte ihn das Mädchen an, dann schrie sie laut auf und rannte davon. Toran sah ihr nach, doch schließlich legte sich ein schwarzer Schleier vor seine Augen und er sank ohnmächtig zu Boden.

Als er wieder zu sich kam, begann es bereits zu dämmern. Mühsam rappelte er sich auf und schleppte sich zurück zu Annas Hütte.
"Wo bist Du gewesen? Du bist verletzt!"
"Ein Bär! Ich habe drei Frauen vor dem Bär gerettet!"
Anna verband seine Wunde. "Drei Mädchen?" fragte sie überrascht.
"Eine Prinzessin und ihre Zofen. Sie liefen davon!"
"Sicher die Tochter des Grafen!"
"Es war, als blicke man in das Antlitz eines Engels. Wie gern würde ich sie wieder sehen!"
"Nein", widersprach Anna. "Du wirst sie nicht wieder sehen!"
"Doch", rief er wütend. Zornbebend stieß er die alte Frau beiseite und lief aus der Hütte.
"Toran, warte!"
Doch der nächtliche Wald hatte seine Gestalt bereits verschlungen. Wie von Sinnen rannte Toran weiter und weiter. Er bemerkte den geheimnisvollen Glanz nicht, der zwischen den Bäumen hing und hörte auch nicht das leise Singen, das wie ein Lufthauch durch den Wald schwebte. Er verlangsamte seine Schritte erst, als er einen hellen Fleck vor sich erblickte und eine Gestalt aus dem Leuchten trat.
"Toran", sagte eine helle, sanfte Stimme.
Widerwillig wandte sich Toran der lichten Gestalt zu. "Warum fürchtest Du dich nicht vor mir?" fragte er. "Wer bist Du, dass Du nicht fortläufst?
"Ich bin eine Fee", antwortete das Wesen. "Dayona, die Fee! Ich weiß sehr viel über dich, Toran! Du hast der Tochter des Grafen das Leben gerettet. Und nun bist Du auf der Suche nach ihr! Vielleicht kann sie den Fluch brechen. Wenn es dir gelingt ihre Liebe zu erlangen...!"
"Warum sollte sie ein Monster lieben? Schöne Edelmänner liegen ihr zu Füßen!"
"Das kann ich dir nicht sagen. Doch du musst es versuchen. Geh zu ihr!"
Und so plötzlich wie sie gekommen war, verschwand sie und ließ Toran allein zurück. Den Fluch brechen? Durch die Liebe der Prinzessin? Hatte er geträumt, was eben geschehen war? Gab es wirklich Hoffnung für ihn?

Gegen Morgen erreichte Toran den Waldrand und erblickte ein Schloss. Das musste das Schloss des Grafen sein. Hier würde er die Prinzessin finden. Er zog seine Kapuze tief ins Gesicht und schlich hinüber in den Schatten der Mauer. Ein leises Knarren ließ ihn zusammenfahren und er erblickte über sich die Grafentochter, die sich aus dem Fenster beugte, um die Läden an der Mauer fest zu haken. Kurzentschlossen kletterte er in dem alten Efeu hinauf und stieg leise durch das Fenster. Das Mädchen stand vor einem Spiegel.
Leise sagte er: "Habt keine Furcht und seht euch nicht um!"
Das Mädchen stand wie erstarrt vor dem Spiegel und erblickte darin einen Mann, der hinter ihr stand und sie ansah. "Wer seid Ihr?" fragte sie mit zitternder Stimme.
"Ein armer Teufel, der eurer Hilfe bedarf! Mein Name ist Toran, Sohn des Königs von Birkland! Ich bin von einem Fluch befallen und was Ihr im Spiegel seht, ist nicht meine wahre Erscheinung. In Wahrheit bin ich ein Monster und mein Anblick wird euch vielleicht erschrecken, wenn ihr mich anseht!"
Sie wandte sich um und sah ihn unerschrocken an. "Ihr seid der, der den Bären tötete. Wie kann ich Euch helfen?"
"Lasst mich nur in eurer Nähe sein!"
"Nun, das wohl wenigstens schulde ich dir", sagte sie.
"Niemand darf von meiner Anwesenheit erfahren!"
"Meine Zofen sind verschwiegen!"

Und so lebte Toran fortan in einer Kammer neben Julias Gemach und allmählich schwand ihrer beider Befangenheit. Toran erwies sich als aufmerksamer Gesellschafter und treuer Freund. Julia wurde für Toran eine verständnisvolle Gefährtin und sie waren gerne beisammen. Julia begann eine tiefe Zuneigung für den jungen Prinzen zu empfinden, von der dieser nichts ahnte und ebenso wenig wusste sie, dass er sie liebte. Niemand hätte je von Torans Anwesenheit erfahren, wäre nicht eines Nachts im Schloss ein Feuer ausgebrochen.
Es war am Abend eines Festes, das der Graf zur Mannesreife seines ältesten Sohnes gab. Toran war in den Wald gegangen, denn er konnte das Lachen der Gäste, die Musik und die Vorstellung, dass Julia mit den Edelleuten tanzte, nicht ertragen. Erst kurz nach Mitternacht machte er sich auf den Rückweg. Am Waldrand angelangt, entdeckte er in der Ferne einen hellen, flackernden Schein. Feuer! Feuer im Schloss des Grafen. Kopflos rannte er über die Wiesen und hörte die Schreie. Eine Menschenmenge stand vor dem Schloss, das lichterloh brannte. Aus Türen und Fenstern quollen Rauch und Flammen und Edelleute und Knappen schleppten Eimer um Eimer mit Wasser zum Schloss. Doch es half nichts. Das Feuer breitete sich immer weiter aus.
Der Graf kam hustend aus dem brennenden Gebäude. "Meine Tochter", rief er. "Wo ist meine Tochter?"
"Sie ist vom Feuer eingeschlossen", rief jemand.
Toran erschrak. Julia. Mit einem Satz warf er sich in die Menge und stürzte in das brennende Schloss. Er eilte durch Gänge, deren Boden zu glühen schien und in den großen Festsaal. Hitze und Rauch wallten ihm entgegen. Das Mobiliar war verbrannt und ein Teil der Decke war eingestürzt. Er erblickte Julia hinter einer hohen Flammenwand beim Kamin und suchte sich seinen Weg durch die Flammen.
"Julia, ich komme", rief er.
Über ihm hing der riesige silberne Kronleuchter und als er Julias Schrei hörte, sah er ihn fallen. Das schwere Metall traf ihn mit voller Wucht, Gebälk begrub ihn unter sich und verwundete ihn schwer, doch er kämpfte sich unter den Trümmern hervor und erreichte endlich die ohnmächtige Julia. Er hob sie auf, trug sie durch das Flammenmeer und gelangte mit letzter Kraft ins Freie. Er bemerkte nicht das Entsetzen der Menschen, als diese ihn erblickten. Dann stellte er die Prinzessin vorsichtig auf dir Füße und sank stöhnend zu Boden.
"Wer ist das Ungeheuer, diese Ausgeburt der Hölle?" riefen die Gäste des Grafen und wollten sich auf Toran stürzen, doch die Grafentochter stellte sich schützend vor ihn.
"Lasst uns durch, Julia! Wir wollen ihn töten! Er legte das Feuer und wir sollten alle sterben", rief der Graf.
Die Grafentochter sah ihren Vater traurig an. Ihre Wangen waren mit Asche beschmutzt.
"Wie kommt es, dass dein Herz unberührt ist, Vater? Dieser Mann wurde aus Rache für ein falsches Urteil an einer armen Frau verflucht! Er hat mich aus den Flammen errettet, als ihr zu feige wart!" Sie hustete und ihre Stimme klang rau. Traurig kniete sie nieder und nahm Torans Hand. "Seine Liebe zu mir war so groß, dass er bereit war sein Leben für mich zu opfern! Oh, Toran", flüsterte sie. "Du darfst nicht sterben. Nicht, bevor ich dir sagen kann, wie sehr ich dich liebe...!"
Und plötzlich geschah etwas Seltsames. Ein dichter Nebel senkte sich über Toran und hüllte ihn ein. Nach einer Weile richtete sich der Nebel zu Mannshöhe auf und verschwand. Ein Raunen ging durch die Menge, als sie den schönen Jüngling erblickten, der in ihrer Mitte stand. Als Toran ihre Blicke bemerkte, wollte er in Panik fliehen, doch Julia hielt ihn zurück.
"Toran, der Fluch ist gebrochen", rief sie.
Der Graf trat einen Schritt näher. "Wer seid Ihr, Fremder, der die Zauberei in sich trägt?"
"Prinz Toran von Birkland und rechtmäßiger Erbe von Galens Reich. Ich lebte bei der alten Anna im Wald!"
Der Graf nickte. Eilig wies er einen Knappen an neben dem Brunnen ein Lager aufzuschlagen. Wenn das Feuer erloschen war, würde man sehen, wie groß der Schaden war. Nach einer Weile saßen sie um ein großes Lagerfeuer und Toran wurde gebeten seine Geschichte zu erzählen:
"Mein Vater ist König Galen von Birkland. In seinem Amt als oberster Richter verurteilte er eine Hexe zum Feuertod. Als sie auf dem Scheiterhaufen brannte, stieß sie den Fluch aus, der mich so entstellte und der nur gebrochen werden konnte, indem ich die Liebe einer Frau erringe. Als ich eure Tochter traf, verliebte ich mich in sie und fand sie hier im Schloss. Wie Ihr seht, hat sich alles zum Guten gewandt. Ich möchte um die Hand eurer Tochter anhalten, Graf Urban, sobald ich mein rechtmäßiges Erbe zurückerhalten habe! Ich werde nach Birkland reisen und meinen Vater aufsuchen. Soweit ich weiß, lässt meine Herkunft sich beweisen. Bei Tagesanbruch werde ich gehen!"
Im Laufe der Nacht legte sich die Wut des Feuers und obwohl der Schaden nicht unerheblich war, waren der Westflügel und einige Zimmer im Westturm unversehrt. Der Westflügel war durch die Küche zu erreichen und umfasste die Dienstbotenkammer und die Bibliothek des Schlosses. Der Graf und sein Gefolge ließen sich in den kleinen Kammern des Gesindes nieder, doch zuvor nahmen sie von Toran Abschied.
"Prinz Toran", sprach der Graf. "Ihr wollt ausziehen, um ein Reich zu erobern, das seit zwei Jahrzehnten keinen Thronfolger hat. Denkt Ihr, dass man euch glauben wird?"
"Graf, die guten Mächte werden mir beistehen, da ich an sie glaube. Wer weiß, wie lange es sie noch gibt."
Toran legte seinen Umhang um die Schultern und öffnete die Tür, dann verschwand er in der Morgendämmerung.
Er erreichte Annas Hütte gegen Mittag. Er band das Pferd, das der Graf ihm überlassen hatte, vor der Tür an und ging hinein. Da Anna nicht da war, setzte er sich in ihren Sessel vor den Kamin und erwartete ihre Rückkehr.
"Wer seid Ihr, Fremder?" hörte er sie fragen.
"Ich bin es, Anna! Toran!"
"Der Fluch ist gebrochen", flüsterte sie. "Den Göttern sei Dank!"
Toran lächelte. "Du kanntest den Diener meines Vaters. Brachte er nicht etwas mit, dass meine Herkunft beweisen kann?"
Sie nickte und ging hinüber zu der alten Truhe, entnahm ihr ein Leinentuch und zeigte es ihr. Es war ein Wickeltuch mit dem gestickten Wappen des Königreiches Birkland. Toran steckte es in seine Tasche.
"Ich werde jetzt gehen!"
"Viel Glück!"
Toran ritt bis zum Einbruch der Dunkelheit, denn er hatte es eilig, doch eine vertraute Stimme ließ ihn inne halten. Als er sich umwandte, erblickte er die Fee.
"Der Fluch ist gebannt, wie ich sagte. Und nun willst Du dein Königreich zurück haben. Das wird nicht leicht sein!"
"Ich weiß! Ich möchte auf ehrliche Weise zu meinem Recht gelangen!"
"Es ehrt dich, dass Du nicht um meine Hilfe bittest. Du bist ein guter Mensch. Edel, aufrichtig und tapfer! Pass gut auf dich auf, denn manche wissen Edelmut nicht zu schätzen. Ich will dir sagen, dass dein Vater im Sterben liegt. Das Volk ist unruhig, denn es gibt keinen legitimen Nachfahren. Du musst dich beeilen!"
"Werden wir uns wieder sehen?" fragte er.
"Ich weiß es nicht! Die Zeit der Feen geht zu Ende und der Glaube an Wunder erlischt. Geh jetzt!

Nach vier Tagen erreichte Toran die Stadt Birkfeste, wo der König residierte. Das Schloss erhob sich wie eine Festung in der Mitte der Stadt. An ihren Zinnen flatterten bunte Fahnen mit den Wappen der Lehnsleute des Königs. Am Stadttor war ein Söldner postiert, der ihn nach dem Grund seiner Einreise fragte. Toran erklärte, dass er gehört habe, der König suche Männer, um sie in die Leibgarde aufzunehmen und der Wächter ließ ihn passieren. Schließlich fragte er einen beleibten Mann, was er tun musste, um zum König vorgelassen zu werden.
"Ihr müsst zur Stadtmeisterei gehen und wenn Borsek befindet, dass euer Anliegen von ausreichender Wichtigkeit ist, wird man euch zum Schloss bringen. Ich hoffe, Fremder, dass Ihr genug Zeit mitbringt, denn manchmal muss man tagelang auf eine Audienz warten."
"Ich danke euch!"
Die Stadtmeisterei war ein prächtiges Gebäude mit geschnitztem Gebälk und Fahnen auf dem Dach. Es stand mitten auf dem Marktplatz, wo einst die Hexe den Fluch ausgesprochen hatte. Gerade, als Toran das Gebäude betreten wollte, kam ihm ein kleiner Junge entgegen gelaufen und rannte ihn fast um.
"Kleiner, warte! Wo finde ich den Stadtmeister?"
"Zweites Stockwerk, letzte Tür, linke Seite", sagte er und eilte weiter.
Toran folgte seiner Beschreibung und fand die Tür. Er klopfte an.
"Er möge eintreten", tönte eine Stimme und Toran trat ein. Hinter einem mächtigen Schreibpult thronte ein Respekt gebietender Mann in kostbaren Gewändern. Kratzend schrieb er mit einer Feder und blickte nicht einmal auf. Toran sah sich in dem Saal um.
"Was ist sein Anliegen, Fremdling?"
"Ich möchte..." begann er, doch in diesem Augenblick hob der Schreibende den Blick, sah ihn an und erbleicht. " Was habt ihr?" fragte Toran erstaunt.
"Tretet näher", flüsterte er. "Näher!"
Toran trat verwirrt vor ihn hin und Borsek sah ihn scharf an.
"Er lebt also...!"
"Wie bitte?"
"Das verfluchte Königskind. Das tote Kind. Es lebt...!"
"Woher wisst Ihr, wer ich bin?"
"Das Portrait des jungen Königs! Es gleicht euch aufs Haar. Ich selbst gab damals den Befehl euch zu töten!"
Toran betrachtete das Bild, das Borek einen Augenblick zuvor betrachtet haben musste, und erblickte sein älteres Ebenbild.
"Euer Vater liegt im Sterben! Wir müssen uns beeilen! Wie ist euer Name?"
"Toran!"
Die Wachen am Schloss ließen sie sofort passieren. Im Schlosshof herrschte geschäftiges Treiben. Die Lehnsleute des Königs harrten auf Neuigkeiten und Diener und Knappen hasteten umher, um für deren Wohl zu sorgen. Borsek eilte über den Hof und sie betraten die Halle des Schlosses, wo ihnen ein schwarz gekleideter Mann begegnete.
"Lancelot! Des Königs Berater. Er wird dich zu ihm bringen", sagte Borsek knapp und der Mann hieß ihn, ihm zu folgen. Vor einer Tür im oberen Stockwerk hielt er inne und klopfte mit seinem Stock an. Ein langbärtiger, alter Mann öffnete ihnen. Lancelot schob Toran in den Raum.
"Ich übergebe dich dem Medikus. Er bringt dich zum König!" Dann ging er davon.
Toran sah Borsek verwirrt an, doch dieser erklärte dem Medikus das Nötigste. "Dies ist Toran, der rechtmäßige Erbe des Reiches!"
"Er ähnelt dem König sehr! Folgt mir!"
Er öffnete eine Tür jenseits des Raumes und wies hinein. Borsek und Toran betraten das Gemach des Königs, der in einem riesigen Bett inmitten weißer Kissen und Laken lag. Toran starrte ihn unverwandt an, als der König plötzlich die Augen aufschlug.
"Er hat dich also am Leben gelassen", sagte König Galen mit fester Stimme und erwiderte den Blick seines Sohnes. "Erzähle!"
Das tat Toran.
"Und nun kommst Du, um dein Recht zu fordern. Du musst mich sehr hassen!"
"Nein! Ich verlange nur, dass Du mich anerkennst. Das ist alles, denn eigentlich bin ich ohne Heimat!"
"So soll es geschehen! Und du wirst das Reich sehr bald erhalten, denn ich fühle den Tod nahen! Borsek, lasst in der Stadt verkünden, dass ein Thronfolger gefunden wurde und die Krönung noch heute stattfinden soll!"
So wurde noch am selben Tag aus Toran der König von Birkland, fast in derselben Stunde, in der sein Vater starb. Gleich nach den Krönungsfeierlichkeiten übertrug Toran die Staatsgeschäfte an den Stadtmeister und machte sich auf den Weg in die Grafschaft Urbans.

Nach drei Tagereisen erreichte Toran den Wald und den Weg, der zum Schloss des Grafen führte.
Die Fee erwartete ihn am Wegesrand. "Ich freue mich über deine Rückkehr, König Toran! Man wartet im Schloss auf dich. Ich werde dich ein Stück deines Weges begleiten!"
Toran stieg vom Pferd und nahm es bei den Zügeln. "Ich freue mich, dich zu sehen!"
"Ich werde diesen Wald verlassen", begann die Fee. "Es ist Zeit zu gehen. Ich werde sterblich werden und keine Fee mehr sein!"
"Bleibt denn gar nichts von deiner Magie?" fragte Toran.
"Nein! Ich werde irgendwo sein, wo niemand mich kennt und mein Name vergessen sein wird!"
Sie sah zu ihm auf, dann nahm sie eine Kette von ihrem Hals und legte sie in seine Hand. Toran betrachtete den grünen Stein, in dessen Innerem ein heller Funke glomm.
"Dies ist das letzte Überbleibsel der Magie der Feen. Nimm ihn und erinnere dich an mich. Leb wohl!

Toran sah ihre Gestalt langsam verblassen und ein kalter Lufthauch ließ ihn erschauern. Er zog den Umhang enger um die Schultern und trieb sein Pferd an. Julia würde auf ihn warten. Bald würde sie Königin von Birkland sein. Schnell ritt er durch den Wald und schon bald sah er das Schloss.

Zum_Seitenanfang © 2003 by C. Hüsing Zum_Seitenende

Ich möchte Euch heute eine Geschichte erzählen, wie sie sich vor langer Zeit im fernen Orient zugetragen hat. Und ich versichere Euch, dass alles wahr ist und nichts erfunden. Denn im Orient waren Wunder alltäglich und werden es für alle Zeiten sein.

Der Prinz Ali Ben Sabu, dessen Geschichte dies ist, war der Sohn eines mächtigen Kalifen, dessen märchenhafter Palast gleich einer schimmernden Perle ihren Glanz über die Stadt Camarra ergoss. Der Prinz, ein junger Mann von großer Schönheit, brillantem Verstand und überragendem Mut, wurde von vielen Prinzessinnen des Morgenlandes und des Abendlandes als Gemahl begehrt, doch den Prinzen verlangte es nicht nach einem eigenen Herdfeuer. Ihm stand der Sinn nach Aufregung und Abenteuer und so hatte er die letzten Zwölfmonde damit zugebracht eben danach zu suchen. Eines Tages jedoch, hatte sein Vater, der Kalif, ihm ans Herz gelegt, sich auf einer seiner Reisen nach einer Braut umzusehen, die er nach Camarra bringen sollte, um sich mit ihr zu vermählen.

Seit der Prinz sich zu dieser letzten Reise aufgemacht hatte, warteten der Kalif und sein Volk voller Ungeduld auf seine Rückkehr und endlich, viele Monde nach seinem Aufbruch, kündete ein Bote dem Kalifen, dass sein Sohn nach Camarra zurückgekehrt sei.
"Schicke meinen Sohn zu mir", befahl der Kalif dem Boten und begab sich auf den Balkon, um die Ankunft seines Sohnes zu erwarten.
Der Kalif beugte sich über die filigrane Brüstung und blickte hinunter in den Palasthof. Die Karawane des Prinzen war eben dort eingetroffen und Diener waren bereits damit beschäftigt die Elefanten von ihren Lasten zu befreien. Bald darauf war der Palasthof mit den Kostbarkeiten übersät, die sein Sohn von seiner Reise mitgebracht hatte.
"Ihr habt nach mir geschickt, mein Vater!"
Der Kalif wandte sich um. "Ich heiße Dich willkommen, mein Sohn", begrüßte der alte Mann den Prinzen. "Auch deine künftige Gemahlin hätte ich gern willkommen geheißen, doch, wie ich sehe, war meine Hoffnung auch diesmal vergebens!"
"Ich bitte Euch um Verzeihung, mein Vater", erwiderte der Prinz. "Ich habe die Frau meiner Träume nicht finden können!"
"Nun, dann erzähle mir von deiner Reise und warum Du in den Ländern, die Du bereist hast, unter den vielen Töchtern des Mondes und der Sonne keine erwählt hast!"
Der Kalif und der Prinz ließen sich auf einem Diwan nieder und während ein Diener ihnen Tee und Konfekt servierte, erzählte Prinz Ali von seinen Reisen:

"Ich habe tatsächlich viele Länder bereist, Menschen und Städte gesehen, gegen gefährliche Feinde gefochten und sagenhafte Schätze erworben. Sogar einen fliegenden Teppich brachte ich von meiner Reise mit und möchte Dir erzählen, wie ich in seinen Besitz gelangte. Es war vor ein paar Monden. Ich kam in eine Stadt weit fort von hier, deren Name El Kamal war, und suchte nach einer Herberge, denn die Dunkelheit der Nacht war bereits herein gebrochen. Ich habe an unzählige Türen geklopft, doch keine einzige öffnete sich mir. Nirgendwo ließ man mich ein. Es war wie ein böser Zauber. Als ich nahezu entmutigt die Stadt verlassen wollte, traf ich einen Bettler, der mich glauben machen wollte, dass ich vor den Toren El Kamals eine würdige Herberge finden sollte, noch bevor der Mond aufgegangen sei. Ich zweifelte zwar an seinen Worten, doch als ich das Stadttor hinter mir gelassen hatte, erblickten meine ungläubigen Augen einen hohen Turm, der im Licht des Mondes schimmerte wie eine kostbare, sonderbar geformte Perle, umgeben von einem paradiesischen Garten. Es war ein ganz besonderer Garten, mein Vater! Die Bäume waren aus Gold und Silber. Sie trugen Blätter aus Smaragden und Früchte aus Rubinen. Das Gras war wie ein weicher Teppich. Der Turm an sich war ganz aus Elfenbein gemacht und die Gitter vor den Fenstern waren aus kostbarsten Metallen geschmiedet. Nur zögernd klopfte ich an die Tür des geheimnisvollen Turmes, die sich daraufhin wie von Götterhand öffnete. Ich trat ein und stieg die Stufen hinauf, die nach oben führten. Als ich oben angekommen war, erblickte ich einen alten Mann mit einem langen, weißen Bart, der an einem Teppich webte. Jenem Teppich aus blauer Seide, den Du im Hof erblickt haben magst, mein Vater. Zu meinem Erstaunen nannte der Alte mich bei meinem Namen und hieß mich willkommen. Ich fragte ihn, wer er denn sei und warum er an dem Teppich webe. Der Mann erwiderte, dass sein Name nicht von Bedeutung sei und dass der Teppich würde fliegen können. Dann unterbrach er seine Arbeit, um mir Speisen und etwas zu trinken zu bringen. Da ich erschöpft und hungrig war, labte ich mich an den köstlichen Speisen und dem süßen, schweren Wein. Und ehe ich mich versah, fiel ich in einen tiefen Schlaf, der mir die sonderbarsten Träume schenkte. In meinen Träumen sah ich eine wunderschöne Frau, die den Tanz der Flammen tanzte. Und diese Frau rief meinen Namen. Ich erkannte, dass sie dort, wo sie tanzte, gefangen war, doch als ich sie befreien wollte, erwachte ich. Es war bereits heller Morgen. Der Turm, der Garten, alles war verschwunden. Nur der Teppich, an dem der alte Mann gewebt hatte, lag neben mir. In meiner Verwirrung fiel mir die Geschichte ein, die Du mir vor vielen Zwölfmonden erzählt hast. Erinnerst Du Dich, mein Vater?"
"Ja, mein Sohn, ich weiß, welche Du meinst. Sie erzählt von dem alten Mann, der in einem Turm aus Elfenbein und Edelsteinen hundert Zwölfmonde an einem Zauberteppich webt, um ihm einem jungen Mann zu schenken, damit er die Frau seiner Träume finden sollte!"
"Vielleicht war ich dieser Mann! So dachte ich mir und nahm den Teppich mit! Einige Zeit später gelangte ich zum Dschungel von Kibar, wo mich die Götter mit dem kleinen, weißen Elefanten beschenkten. Ich erinnere mich genau. Der Dschungel war düster und das Dickicht undurchdringlich. Ich hatte mich verirrt und führte mein Pferd am Zügel durch das Unterholz. Plötzlich hörte ich von weitem das Brüllen eines Tigers und das Trompeten eines Elefanten. Vorsichtig schlich ich mich durch das dichte Gestrüpp näher und erblickte schließlich einen weißen Schatten. Als ich die Zweige auseinander bog, sah ich einen mächtigen Elefanten und diesen umringten drei Tiger. Unter ihnen befand sich einer, dessen Fell schneeweiß war. Beinahe hätte ich das Elefantenbaby übersehen, das so weiß war wie seine Mutter und der eine Tiger. Allah allein weiß, was geschähen wäre, hätte ich dem Geschehen nicht Einhalt geboten. Ich tötete die beiden Tiger und ließ nur den weißen am Leben, um ihn einzufangen, was, offen gesagt, kein leichtes Unterfangen war. Ich hoffte ihn in einer nahen Stadt verkaufen zu können. Für die Nacht schlug ich mein Lager auf einer Lichtung auf und wachte über meine Beute und die beiden Elefanten. Als ich am nächsten Morgen die Augen aufschlug, erblickte ich einen alten Mann in weißen Gewändern. Er grüßte mich mit ehrenvollen Titeln und stellte sich mir als Abu Khan, den Herrscher über den Dschungel und die heiligen weißen Elefanten vor. Er dankte mir dafür, dass ich die heiligen Tiere vor dem Tod in den scharfen Krallen der Raubtiere bewahrt hatte und überließ mir das Elefantenbaby als Geschenk. Kaum, dass er zu Ende gesprochen hatte, war er auch schon verschwunden. Ich setzte meinen Weg mit den beiden Tieren fort und gelangte schließlich in die Stadt Kibar. Noch niemals sah ich eine solche Pracht. Alle Häuser in der Stadt waren reich mit Gold, Silber und Edelsteinen geschmückt. Die Menschen trugen die kostbarsten Gewänder und prächtigsten Geschmeide, doch in ihren Gesichtern war keine Freude. Nach einer Weile fiel mir auf, dass es in der ganzen Stadt keine Kinder zu geben schien. Die Menschen von Kibar waren beinahe samt und sonders alt und es gab nur wenige, die jünger waren als vier Zwölfmonde. Ich wurde in Kibar willkommen geheißen und man führte mich zum Sultan, der, wie man mir sagte, meinen weißen Tiger zu sehen wünschte. Der Sultan war ein freundlicher Mann, reich an Jahren und an Weisheit. Er begrüßte mich mit gemessenen Worten und bot mir einen hohen Preis für den weißen Tiger, mit dessen Geschenk die Götter mich in ihrer unendlichen Weisheit belohnt hatten. Als ich ihn fragte, was er mit dem Tiger vorhabe, antwortete er, dass er gedenke, das Tier den Göttern zu Opfern, um die Stadt von ihrem Fluch zu befreien, der sie seit langer Zeit heimsuchte. Damals, so sagte er, habe einer seiner eigenen Söhne den Sohn der Suleike getötet, der Schutzgöttin Kibars, während sie um die Gunst einer Prinzessin aus dem Abendland gekämpft hatten. Suleikes Trauer war so groß gewesen, dass sie einen Fluch über die Stadt legte, auf dass kein Kind länger leben sollte als einen Zwölfmond. Und als sie danach die Stadt verließ, hatte niemand den Fluch lösen können. Viele Zwölfmonde später hatten schließlich die Orakel geweissagt, dass eines Tages ein Fremder in die Stadt kommen und einen weißen Tiger mitbringen sollte. Mir war klar, dass der Sultan fest daran glaubte, dass ich dieser Fremde sei. Also gab ich ihm den weißen Tiger und schlug die Geschenke aus, die er mir dafür geben wollte und zog weiter!"
"Was ist aus der Stadt geworden, mein Sohn?"
"Ich weiß es nicht, mein Vater", erwiderte der Prinz. "Als ich die große Steppe im Nordosten durchquerte, erlebte ich ein so phantastisches Abenteuer, dass mir keine Zeit blieb, über die Stadt Kibar nachzudenken! Ich hatte inzwischen eine Karawane von einigen Elefanten, die mit den Schätzen beladen hatte, die ich auf meiner Reise erworben hatte, und war auf dem Weg nach Gomasad, da man mir erzählt hatte, dass dort eine unvermählte Prinzessin lebte. Ich zog dorthin, obwohl ich keinen Augenblick lang die Frau aus meinem Traum vergessen hatte, die ich noch immer zu finden hoffte. Als es dunkel wurde, schlug ich in der Ebene mein Lager auf. Und wieder hatte ich einen ganz sonderbaren Traum. Ich ging über eine weite Steppe auf ein Tor zu. Es gab kein Haus und keine Mauer. Nur jenes Tor. Ich ging hindurch. Vor mir erblickte ich drei Männer um eine Feuerstelle sitzend. Der eine schliff mit einem Stein die Klinge eines goldenen Schwertes, ein anderer schnitzte an einer Scheide aus Elfenbein und der dritte polierte Edelsteine mit magischen Kräften. Schließlich erschien ein vierter Mann, der mich mit meinem Namen grüßte und mich fragte, ob ich die drei Männer sah. Ich nickte als Antwort. Dann erzählte er mir, dass die drei ein Schwert mit magischen Kräften fertigten, welches ich dazu benutzen sollte die Frau aus meinen Träumen zu befreien, denn sie wurde, so sagte der Mann, von einem bösen Magier namens Muhad am Amar gefangen gehalten. Der Magier sei der Herr über das Feuer und sein Palast läge in einem Land, das so weit fort ist, dass man es sich nicht vorstellen konnte. Er sagte mir, dass der kleine, weiße Elefant allein den Weg dorthin kenne, nur der fliegende Teppich mich dorthin würde bringen können und dass das magische Schwert zu meinem Schutz geschmiedet werde. Und dann befahl er mir, das Schwert im Kampf gegen das Böse niemals zu verwenden, um Rache zu üben oder mit meiner Macht zu protzen, weil es dann seinen Zauber verlöre und seine Magie mir zum Verhängnis werde. Nach diesen Worten verschwanden die Männer, das Feuer und das Tor, als seinen sie nur eine Illusion gewesen und eine unsichtbare Hand legte mir das Schwert in die Hände, das in einer kostbaren Scheide steckte. Nach diesem letzten Abenteuer trat ich meine Heimreise an. Und da bin ich nun, mein Vater!"
Der Kalif nickte. "Wie ich sehe, trägst Du das Schwert bei Dir!"
"Ich stehe unter dem Schutz der mächtigen Klinge!"
"Wirst Du mich verlassen, um sie in den Kampf zu führen!"
Der Prinz nickte. "Sobald als möglich", erwiderte er und erhob sich von dem Diwan, um, gefolgt von seinem Vater, auf den Balkon zu gehen. "Ich warte nur noch auf ein Zeichen der Götter! Bis dahin, lasst uns meine einstweilige Rückkehr mit unseren Gästen feiern!"

Es wurde ein heiteres und ausgelassenes Fest, doch Prinz Ali verließ es bald. Er begab sich in den Palasthof und von dort aus zu den Stallungen, um nach dem weißen Elefanten zu sehen, der dort inmitten der Pferde stand. Lächelnd streichelte er den winzigen Rüssel, der in seinen Kleidern nach Erdnüssen suchte.
"Wie sollst Du mir den Namen der Stadt des Zauberers nennen, wenn Du nicht einmal reden kannst?" fragte der Prinz.
In diesem Moment stob aus dem Nichts ein schimmernder Staub durch den Stall und hüllte den Prinzen und den Elefanten ein, bis er schließlich auf den Boden sank. Erstaunt betrachtete Ali den Jungen, der an der Stelle des heiligen Tieres stand und ihn mit weisen Augen ansah.
"Bist Du ein Bote der Götter?" fragte Prinz Ali. "Kannst Du mir den Namen der Stadt nennen und mich zu ihr bringen?"
"Der Name der Stadt ist Kamah-a-Sad!" erwiderte der Junge. "Niemand ist jemals von dort wiedergekehrt. Eure Liebe zur schönen Shirizade muss unendlich sein, da Ihr den Tod nicht scheut! Ihr müsst sofort aufbrechen. Vergesst nicht das Schwert und die Juwelen, um Helfern die Hände zu versilbern! Der Teppich bringt Euch wohin Ihr wollt!" Noch bevor Prinz Ali etwas erwidern konnte, war der Junge verschwunden.

Prinz Ali umklammerte angstvoll das magische Schwert, als er auf den am Boden liegenden Teppich trat und sagte: "Führe mich nach Kamah-a-Sad, mein Teppich!"
Auf wundersame Weise erhob sich der Teppich in die Lüfte und schoss pfeilschnell durch die Nacht davon, so dass sich der Prinz an den wehenden Fransen festklammern musste, um nicht hinunter zu fallen.
Welcher Zauber dem Teppich innewohnte, wusste Prinz Ali nicht, doch nach kurzer Zeit, erblickte er in einiger Entfernung einen Feuerberg, aus dem eine hohe Rauchsäule aufstieg. Ganz von selbst glitt der Teppich wenig später zu Boden und er beeilte sich, das kostbare Stück in einer Felsspalte zu verstecken. Er brauchte nicht lange zu suchen, um den Eingang zur Stadt zu finden. Vor einem feuerumrankten Tor stand ein bewaffneter Wächter, der ihm mit einer Lanze den Weg versperrte.
"Was willst Du, Fremder?" fragte er.
"Ich will in die Stadt und zu Eurem Herrscher!"
"Unmöglich!"
"Das werden wir sehen, Wächter", rief Prinz Ali und warf dem Mann einen Beutel mit Juwelen zu, den der mit geschickten Händen auffing.
"Viel Vergnügen in Kamah-a-Sad, Fremder", sagte er und ließ den Prinzen passieren.
Der Tunnel jenseits des Tores würde von Strömen von Lava erhellt und schien unendlich lang zu sein, doch schließlich bot sich dem Blick des Prinzen die Stadt dar, die erschaffen war mit dem Werkzeug des Teufels. Die Häuser waren aus Granit und Schwefel errichtet, die Pflastersteine waren glühende Kohlen und die Brunnen spien Lava. Mutig schritt Prinz Ali über den schwelenden Stein und erfragte sich von Dirnen und Dieben, Bettlern und Söldnern den Weg zum Palast, der sich gleich einem wirklich gewordenen Alptraum in der Mitte der Stadt erhob, die niemals das Licht der Sonne gesehen hatte, da sie mit düsterem Zauber im Innern des Feuer speienden Bergs erschaffen worden war.
Vor einem hohen Gittertor stand ein Wächter und der Prinz forderte kühn eingelassen zu werden.
"Das könnte Dir so passen", fuhr der Wächter ihn an.
"Dann nehmt das hier und lasst uns sehen, ob der Reichtum ein Gebieter ist, dem es sich zu gehorchen lohnt!"
Der Wächter wog das Säckchen und gleich darauf ein zweites in den Händen und nickte.
"Tretet ein, reicher Fremder!"
Wenig später betrat Prinz Ali den Palast des Magiers, der aus schwarzem Basalt gebaut war und schlich sogleich eine breite Treppe hinauf, einen breiten Gang entlang, von dem zahlreiche Türen abzweigten. Vor einer einzigen hielt ein Söldner des Magiers Wache. Dort musste Shirizade sein.
"Öffnet die Tür", herrschte Prinz Ali den Wächter an.
"Das könnte dir so passen", brüllte der und stieß mit seiner Lanze nach dem Prinzen.
"Ich verlange Shirizade zu sehen!"
"Niemandem, außer dem Gebieter ist das gestattet", rief er. "Wachen, herbei, schnell, schnell!"
"Ich ersticke Dein Geschrei hiermit", sagte Prinz Ali und hielt dem Wächter drei Beutel mit Juwelen und Gold hin. "Und jetzt lasst mich durch!"
Der Söldner lächelte hinterhältig, dann öffnete er dem Prinzen die Tür und er betrat das Gefängnis der schönen Shirizade, welches er aus seinen Träumen kannte. Die bläuliche Dämmerung, die von zahlreichen Schleiern herrührte, die von der Decke hingen, wurde von dem spärlichen Licht einer Öllampe kaum erhellt.
"Shirizade?"
"Hier bin ich", flüsterte eine Stimme und dann sah Prinz Ali die Frau aus seinen Träumen leibhaftig vor sich stehen.
"Lasst uns keine Zeit verlieren", sprach Ali. "Wir müssen fliehen!" Er nahm ihre Hand und gemeinsam liefen sie den Gang hinunter.
Erst an der Treppe versperrte ihnen eine schwarz gewandete Gestalt den Weg und ihr teuflisches Gelächter ließ Prinz Ali und Shirizade erschauern.
"Es ist der Gebieter!"
"Dann werde ich gegen ihn kämpfen", rief Ali und zog sein magisches Schwert.
Doch der Magier war darauf gefasst, dass man ihm Widerstand leisten würde und zog gleichfalls ein Schwert aus der Scheide. Das Klirren der Klingen erfüllte den Gang und Funken sprühten, wann immer sie sich kreuzten.
Der Prinz, dessen Hand das magische Schwert führte, spürte die Macht, die davon ausging. Nicht er war es, der kämpfte, sondern das Schwert selbst und nach einer Weile schien auch der Magier zu bemerken, dass der Prinz unter dem Schutz der Götter focht. Er bekam es mit der Angst zu tun, die seiner eigenen Feigheit und Bosheit entsprang und seine Achtsamkeit schwand zusehends. Schließlich verließen ihn auch seine Kräfte und in einem Moment lang ließ er seine Schwerthand sinken. Da bohrte sich die Klinge des Zauberschwertes in seine Brust und er sank tödlich getroffen zu Boden.
"Du hast ihn besiegt", rief Shirizade.
"Das ist wahr! Aber nun müssen wir fliehen! Die ganze Stadt ist durch den Tod des Gebieters dem Untergang geweiht!"

Es dauerte nicht lange und Shirizade und Prinz Ali hatten die Stadt und den Tunnel hinter sich gelassen. Als der fliegende Teppich sie weit genug vom Ort des Bösen und des Unheils fortgebracht hatte, wagten die beiden es, sich umzublicken. Gerade in diesem Augenblick wurde der gewaltige Krater des Feuer speienden Berges von einer gewaltigen Macht zerrissen und als eine Wolke aus Feuer und Asche in den Himmel schoss fiel er in sich zusammen und begrub Kamah-a-Sad für alle Zeit unter einem Berg aus Felsen und flüssigem Feuer.
"Es ist vorbei", sagte Shirizade.
"Ja, es ist vollbracht!"
"Lass mich Dir für meine Rettung danken, Prinz Ali Ben Sabu!"
"Danke mir nicht! Du hast mich in meinen Träumen gerufen!"
"Ich wusste nicht, dass ich Dich rief!"
"Dann lag es wohl in den Händen der Götter! Ihren Willen darf man nicht missachten!"
"Nein, mein Prinz, das darf man nicht!" Als sie den Schleier von ihrem Antlitz entfernte, sah Prinz Ali ihr glückliches Lächeln.
"Niemals!"

Zum_Seitenanfang © 2003 by C. Hüsing Zum_Seitenende

Vor langer Zeit machten an den Feuern, die abends in den Häusern der Leute angezündet wurden, Geschichten über einen tollkühnen Abenteurer die Runde. Und dieser Abenteurer war ein junger Prinz aus einem ziemlich entlegenen, kleinen Königreich, das kaum ein Mensch je bereist hatte. Sein Name war... Nun eigentlich war er beinahe so unaussprechlich wie der seines Königreiches und er ging einem nicht leicht über die Zunge. Nennen wir ihn doch einfach Jergon und das kleine Königreich Ilyban und beginnen wir mit der Geschichte, die von seinem größten Abenteuer berichtet.
Alles fing damit an, dass Prinz Jergon eines Tages auf dem Marktplatz nahe der Feste des Königs einen Fremden traf, der sehr weit gereist schien. Seine Kleider waren verschlissen und er sah aus als wäre er müde und hungrig. Wie es das Gebot der Gastfreundschaft verlangte, lud Jergon den Fremden ein, ihn zur Feste zu begleiten, damit er sich von seiner Reise ausruhen sollte. Doch der Fremde gab zur Antwort, dass er den Auftrag habe, eine Botschaft zu verkünden.
"Dann seid Ihr hier am richtigen Ort", stellte Jergon fest und wies auf die Menschenmenge, die den Marktplatz bevölkerte. "Stellt Euch auf den Rand des Brunnens, damit Euch jeder hören und sehen kann!"
Gesagt, getan. Kurz darauf war der Fremde auf Brunnen geklettert und begann lautstark seine Botschaft zu verkünden: "Hört, Ihr Leute! Ich habe eine Botschaft des Königs Olian von Olk. Es ist bereits einen ganzen Zwölfmond her, dass der Magier Han Shir unsere Thronerbin, Prinzessin Felicia, entführte und sie seitdem gefangen hält. Keinem ist es bis heute gelungen, sie zu befreien. Hört, Ihr Leute, wer den Mut hat die Prinzessin zu retten, muss Han Shir gegenüber treten und ihn besiegen. Vielleicht findet er dabei den Tod, aber die Belohnung sind die Hand der Prinzessin und der Thron von Olk, ganz gleich ob er ein Bettler oder Prinz sei."
Ein erstauntes Raunen erhob sich in der Menge, doch niemand hatte den Mut vor zu treten. Eine Königstochter war ein zu geringer Preis für ein Leben.
"Ihr braucht nicht länger zu suchen, Fremder. Ich werde die Prinzessin befreien. Es ist schon lange her, dass ein gutes Abenteuer meinen Weg gekreuzt hätte. Und nun begleite mich zum König!"
Auf dem Weg zum Palast fragte der Prinz: "Ist die Prinzessin so schön und klug wie man es sich erzählt?"
"Es gibt keine, die sich mit ihr messen könnte."
"Wie kam es dazu, dass der Magier sie entführen konnte? Hatte sie denn keine Söldner zu ihrem Schutz?"
"Unser Königreich ist friedlich. Niemand hat erwartet, dass so etwas geschehen könnte. Aber Han Shir ist ein übler Schurke, der sich in den Künsten der Schwarzen Magie übt. Er soll in seinem gläsernen Palast im steinernen Wald zahlreiche Ungeheuer halten, die er sich gefügig gemacht hat. Direkt aus den königlichen Gärten hat er die Prinzessin entführt. Man sah ihn mit ihr auf einem schwarzen, geflügelten Pferd davon fliegen. Seitdem hat niemand mehr etwas von ihm und der Prinzessin gehört."
Eine Weile gingen der Prinz und der Fremde schweigend nebeneinander her, dann fragte der Prinz: "Ist es Euch recht, wenn wir noch heute aufbrechen?"

Wenige Tage später trafen Jergon und der Fremde in Olk ein. Als der König den Sohn des benachbarten Königreiches erblickte, erwachte nach langer Zeit die Hoffnung, dass seine Tochter vielleicht gerettet werden könnte. Auch er hatte schon vom tollkühnen Jergon gehört. Und der junge Prinz wollte sich schon am nächsten Morgen auf den Weg machen.
Jergon war guter Dinge, als er auf Olians bestem Pferd und mit den hervorragendsten Waffen ausgestattet durch das kleine Königreich ritt. Die Sonne schien und es war warm und ein gutes Abenteuer erwartete ihn. Und als die Sonne sich gen Westen neigte, erblickte der Prinz bereits den steinernen Wald in der Ferne leuchten. Glutrot erstrahlten die steinernen Bäume des verzauberten Hains im Abendlicht und es war nicht ein Laut zu hören, als der Prinz unter den schweren, sonderbar belaubten Baumkronen dahin ritt. Viele Stunden folgte er dem schmalen Pfad und noch immer war nichts von dem Palast zu sehen. Kein böser Hauch war zu spüren und keine Trolle fielen ihn aus dem Dickicht an. Als es schon beinahe völlig dunkel und Nacht geworden war, stieg der Prinz vom Pferd und lehnte sich erschöpft an einen Baum, um einen Augenblick auszuruhen. Der harte Stamm mit der borkigen Rinde begann zu leuchten, als der warme Körper des Prinzen ihn berührte.
"Heda", erklang eine seltsame Stimme und der Prinz fuhr erschrocken herum.
"Wer ist da?" fragte er mit gezücktem Schwert und starrte in die Dunkelheit.
"Du stehst vor mir", tönte es. "Ich bin ein Baum!"
"Unmöglich", rief der Prinz.
Im selben Augenblick zeichnete sich in dem Baumstamm schemenhaft ein Gesicht ab. Aus den Unebenheiten der Rinde wurden ein Mund, aus Astlöchern leuchtende Augen und aus einem abgebrochenen Zweig eine lange, krumme Nase. Mit lauten Knacken bewegten sich die herabhängenden Äste und wurden zu Armen. Ein hölzernes Rascheln ertönte, als der seltsame Baum sich schüttelte. "Alles ist möglich, mein Junge!" Die hellen Augen in dem eigenartigen Gesicht fixierten den Prinzen. "Danke, dass Du mich geweckt hast. Ich habe schon sehr lange keine Gesellschaft mehr gehabt!"
"Wer bist Du?"
"Bork, ein Bewohner dieses Waldes", stellte sich der Baum vor und deutete eine Verneigung an. "Und Du bist einer dieser Trottel, die den gläsernen Palast suchen."
"Trottel?" Der Prinz richtete sich zu voller Größe auf. "Ich muss doch sehr bitten! Abenteurer, wenn ich bitten dürfte."
"Na, wenn schon! Die Geister der anderen Trottel und Abenteurer irren ruhelos in diesem Wald umher."
"So ein Trottel werde ich nicht sein. Übrigens mein Name ist Jergon, Prinz Jergon!"
"Ich weiß!" Bork schüttelte seine Äste. "Also gut, ich verstehe. Ihr seid nicht auf Ruhm und Gold aus. Einen Thron habt Ihr auch schon. Seid Ihr verheiratet?"
"Noch nicht. Ich suche Abenteuer, keine Braut!"
"Wie Ihr meint! Aber Ihr habt die Absicht gegen den Teufel persönlich anzutreten. Vermutlich braucht Ihr alle Hilfe, die Ihr kriegen könnt. Und, unter uns, wir wären alle froh, wenn Han Shir endlich verschwindet. Wenn Ihr also derjenige sein wollt...!"
"Bork, wollt Ihr mir helfen?"
Das seltsame Gesicht des steinernen Baumes verzog sich zu einem sonderbaren Grinsen. "Ja, ja, ja! Ich werde Euch helfen. Als erstes müsst Ihr zu Arissa gehen. Sie ist eine Zauberin. Eine alte Freundin. Sie lebt in der Blauen Grotte im Sonnengebirge und kann Euch ein paar wertvolle Hinweise geben, wie man gegen den Magier vorgehen kann. Bibi wird euch dahin bringen."
"Wer?"
"Bibi? Komm doch mal her!"
"Hier bin ich, Meister", ertönte eine zarte Stimme neben Jergons Ohr.
Verblüfft betrachtete er die winzige Gestalt, kaum größer als seine Hand, die vor seinem Gesicht herum flatterte. Eine zierliche Mädchengestalt mit silbrigem Haar und den zarten Flügeln eines Schmetterlings.
"Eine Blumenelfe!"
"Ja, genau!" Bork nickte. "Ihr solltet euch auf den Weg machen. Bis später!"
Und ehe Jergon noch etwas erwidern konnte, war Bork wieder zu jenem steinernen Baumriesen erstarrt, an den er sich vor einer Weile gelehnt hatte.
"Wollen wir?"
"Ja...!"

Jergon und die Blumenelfe waren schon seit fast zwei Viertelmonden unterwegs und beinahe Tag und Nacht geritten und hatten mittlerweile die ersten Ausläufer des Sonnengebirges erreicht. Es war bereits später Abend und eisiger Wind fegte über die hoch gelegene Steppe. Jergon bemerkte, dass Bibi, die sich zwischen den Ohren seines Pferdes niedergelassen hatte, vor Kälte zitterte.
"Wollen wir rasten?"
"Auf keinem Fall. Es ist viel zu kalt, um sich irgendwo nieder zu lassen."
"Wir könnten ein Feuer machen."
"Jergon, willst Du vielleicht rasten?"
"Nur, wenn Du willst!"
"Gut, dann reiten wir weiter!"
"Na schön!"
Also setzten sie ihren Weg fort.

Am nächsten Tag überquerten sie eine weite Ebene, durchritten einen kleinen Wald und erreichten am Abend schließlich die ersten Ausläufer des Sonnengebirges. Und noch einen Tag später schlugen sie den schmalen Pfad ein, der in die felsigen Höhen führte. Allmählich wich das saftige Gras, das am Wegesrand wuchs, kärglichen Büscheln fahler Blütenstauden und diese machten, als sie noch höher stiegen, grauen Flechten Platz. Und als selbst diesen der Fels zu karg und der Wind zu eisig wurde, machten sie Platz für Eis und Schnee.
"Wohin führst Du mich eigentlich?" fragte Jergon mit bibbernder Stimme, als ihm eine heftige Bö einen Schwall Schneeflocken ins Gesicht trieb.
Die Blumenelfe, der die Kälte kaum etwas auszumachen schien, wandte sich zu ihm um. "Du kannst schon mal von deinem Pferd steigen. Dort hinten zwischen den Felsen ist der Eingang zur Grotte."
"Den Göttern sei Dank!"
Sie ließen das Pferd im Schutz der schmalen Felsspalte zurück und Jergon folgte der Elfe in die Dunkelheit, die nur von dem winzigen, hellen Schein durchdrungen wurde, der ihren kleinen Körper umgab. Nach einer Weile erreichten sie eine in den Fels gehauene Treppe, die tief hinunter in das Innere des Berges führte. Bläuliches Licht drang von unten herauf und zeichnete schimmernde Reflexe auf den kargen Fels.
"Du meine Güte, das ist ja unglaublich", rief Jergon, als sie am Fuß der Treppe angelangt waren.
Vor ihnen erstreckte sich ein riesiger See, dessen Wasser so klar und hell war, dass man die Felsen am Grund des Sees erkennen konnte. Die ganze Höhle war erfüllt von blauem Licht, das vom Wasser widerspiegelte.
"Arissas Palast liegt am anderen Ufer", erklärte Bibi. "Wir müssen mit dem Boot dort unten übersetzen."
Tatsächlich gab es in dem See eine starke Strömung, die das Boot wie von selbst an das andere Ufer trieb und als sie näher kamen, entdeckte Jergon, dass es der Palast der Zauberin war, der die Grotte in das geheimnisvolle, blaue Licht tauchte. Er bestand ganz aus durchscheinendem Kristall.
"Sollen wir einfach hineingehen?" erkundigte sich Jergon.
"Natürlich! Arissa erwartet uns bereits!" Zielstrebig flog Bibi durch das hohe Portal in den Palast hinein und der Prinz folgte ihr.
Sie gelangten in einen riesigen Saal, der beinahe völlig leer war. Nur in seinem Zentrum stand ein schlichter Sockel, über dem in einiger Höhe ein Kristall schwebte, der in gleißendem, weißem Licht erstrahlte.
"Prinz Jergon von Ilyban!"
Der Abenteurer fuhr erschrocken herum. "Ja, genau!"
"Danke, dass Du ihn hergebracht hast, Bibi!" Die Zauberin lächelte.
Jergon kam zu dem Schluss, dass er noch nie eine schönere Frau als Arissa gesehen hatte. Ihre Augen waren dunkelblau, ihr Haar von hellem Blond und ihr Gesicht hatte aristokratische Züge. Sie trug ein schlichtes, weißes Gewand und als einzigen Schmuck einen ungeschliffenen Saphir an einer silbernen Kette.
"Wer hat euch geschickt?" wandte sie sich an Jergon.
"Ein Wesen namens Bork sagte mir, dass Ihr mir dabei behilflich sein könnt, den Magier Han Shir zu besiegen. Er hält eine Prinzessin aus dem uns benachbarten Königreich gefangen."
"Han Shir?" Arissa zog eine wohlgeformte Augenbraue hoch. "Er ist ein alter Bekannter. Und ich habe ihn in keiner guten Erinnerung. Er gebietet über die Mächte der Finsternis und die schwarze Magie. Was wurde euch versprochen, falls ihr Erfolg habt?"
"Ein Königreich und die Hand der Prinzessin, aber mir geht es nicht darum. Ich suche nur das Abenteuer."
"Dieses Abenteuer könnte euch das Leben kosten, selbst wenn ich euch helfe."
"Habt ihr eine Waffe, die ihr mir geben könnt?"
"Nein!" Sie schüttelte den Kopf. "Ich verfüge über keine Waffe. Selbst wenn ich welche hätte, hätten sie keine Macht über ihn. Mein Element ist das Licht und seines die Finsternis. Man kann das Böse nicht mit dem Bösen besiegen."
"Dann bin ich umsonst gekommen!"
"Arissa, was ist mit dem...?" mischte sich die Elfe ein, doch sie verstummte unter dem Blick der Zauberin.
"Etwas kann ich euch geben. Es ist ein Talisman!" Sie nahm die Kette mit dem Saphir von ihrem Hals und reichte sie Jergon. "Der Stein lässt euch sehen, was den Augen eines Menschen, der die Magie nicht kennt, verborgen bleibt. Er birgt einen Schutzzauber. Auch noch andere Kräfte schlummern in dem Stein. Aber sie werden euch nur in Augenblicken größter Gefahr von Nutzen sein."
"Danke sehr."
"Wenn ihr zurück zum steinernen Wald reitet, wird euch weitere Hilfe zuteil werden!" Sie reichte Jergon ihre Hand. "Ich wünsche euch Glück." Dann wandte sie sich um und ging, woher sie gekommen war.

Einige Tage später hatte Bibi und Jergon das Sonnengebirge bereits weit hinter sich gelassen und waren in dem kleinen Wald angelangt, den sie schon auf dem Weg zu Arissa durchquert hatten. Noch vor Sonnenuntergang hatte Jergon gefunden, dass er sehr idyllisch und friedlich war, doch in der hereinbrechenden Nacht erschien er ihm eher unheimlich und bedrohlich.
"Wisst ihr, dass dieser Wald die Heimat meines Volkes ist?" fragte Bibi.
"Kaum zu glauben, wo er doch bei Nacht so düster und unfreundlich erscheint." Wie um seine Worte zu unterstreichen, erklang der unheimliche Schrei einer Eule.
Doch Bibi schien noch etwas anderes gehört zu haben.
"Was war das?"
"Eine von uns ist in Schwierigkeiten!"
Bevor Jergon etwas erwidern konnte, flatterte sie tiefer in den Wald hinein und Jergon hatte Mühe ihrem hellen Schein zu folgen. Immer tiefer gelangten sie in den schaurigen Hain und nach einer Weile hörte auch Jergon das leise Zwitschern aufgeregter Stimmen von winzigen Wesen, die den Wald bevölkerten. Und endlich erblickte er in einiger Entfernung einen hellen Schein. Es war ein ganzer Schwarm Blumenelfen.
"Was, bei den Göttern, ist denn los?" fragte Jergon außer Atem und der Schwarm teilte sich.
"Sieh dir das an!" Bibi flatterte aufgeregt umher.
Tatsächlich war der Grund der Aufregung ein immenses Spinnennetz, das eine Ausgeburt der Finsternis zwischen zwei Bäumen gesponnen hatte, denn eine der kleinen Elfen hatte sich darin verfangen. Und die Hüterin des Netzes, eine grässliche Spinne von der Größe eines ausgewachsenen Kaninchens, näherte sich unaufhaltsam ihrem hilflosen Opfer.
"Pfui, Teufel", fluchte Jergon und zog das Schwert, welches er am Gürtel trug.
"Mach schnell!"
"Ja, doch!" Es kostete Jergon einige Überwindung sich der Spinne zu nähern, deren rote Augen ihn anstarrten, während sie ihre Vorderbeine abwehrend oder zum Angriff hob. Doch mit einem schnellen Stich des Schwertes erledigte er das Ungetüm. Mit einem absurden, lauten Geheul fiel es ins Gras und verglühte in einer hellen Stichflamme zu einem Häufchen Asche. Vorsichtig machte sich der Abenteurer daran, die leblose Elfe aus dem klebrigen Netz zu befreien und war froh, dass die kleine Gestalt weit weniger zerbrechlich war, als es den Anschein hatte. Als sie endlich sicher in seinen Händen lag, hörte er das erleichterte Raunen der übrigen Elfen.
Die Elfe, die Jergon aus dem Netz befreit hatte, unterschied sich von den übrigen. Ihr Haar war silbriger als das der übrigen und ihre Schmetterlingsflügel waren beinahe golden. Das winzige Kleid, das sie trug, war über und über mit winzigsten Edelsteinen bedeckt.
"Ist sie am Leben?" fragte Bibi.
"Ich glaube schon!"
In diesem Moment regte sich die Elfe auf seiner Hand und richtete sich auf. "Ihr habt mir das Leben gerettet. Ich danke euch!"
"Keine Ursache."
"Jergon, weißt Du nicht, wen Du da gerettet hast?" fragte Bibi.
"Sollte ich?"
"Das ist Liliane, die Königin der Elfen. Meine Cousine. Hätte sie ihr Leben verloren, wären mit ihr auch der Wald und unser Volk gestorben."
Von dieser Tatsache war Jergon schließlich doch einigermaßen beeindruckt. "Ehrlich?"
Liliane flatterte auf und blickte ihn fragend an. "Wie kommt es das Ihr mit meiner Cousine unterwegs seid?"
"Wir kommen gerade von Arissa und sind auf dem Weg zurück in den steinernen Wald, um die gefangene Prinzessin aus Han Shirs Palast zu befreien. Und wie seid Ihr in diese missliche Lage geraten, aus der ich die Ehre hatte Euch zu befreien?"
"Auch ich wollte Arissa aufsuchen. Han Shirs Herrschaft beginnt sich bereits auf unseren Wald zu erstrecken. Wir sind seine natürlichen Feinde. Boten des Lichts. Aus diesem Grund hat er auch die Spinnen geschickt. Es sind gewiss noch mehr davon hier. Wenn Ihr Han Shir besiegt, wird auch unser Wald wieder sicher sein."
"Ich werde mein Bestes tun!"
"Nur für den Fall, dass das nicht genügt, werde ich euch etwas mit auf den Weg geben, das euch helfen wird. Zusammen mit Arissas Kristall... Kommt!"
Jergon hatte keine Ahnung, wohin die Elfen ihn führten, aber er bemerkte, dass sie immer tiefer in den Wald eindrangen.
"Seht, da vorne ist es!" Liliane verharrte im Flug. "Das Herz des Waldes!"
Es war eine Blume. Umgeben von einem filigranen Zaun. Jergon wusste nicht viel über Blumen, aber selbst er erkannte eine Lilie. Es war eine große, buschige Pflanze mit zahlreichen Blüten und Knospen. Ungewöhnlich war jedoch, dass sie vollkommen aus Silber zu bestehen schien und dennoch einen süßen Duft verströmte. Sie besaß sicher irgendwelche besonderen Kräfte.
"Viele von uns haben zum Schutz dieser Blume ihr Leben gelassen und auch einige, die nicht zu unserem Volk gehören", erklärte Liliane. "Sollte sie jemals verwelken, ist unser aller Leben verloren. Und der Hauch des Bösen schadet ihr bereits sehr. Aber noch hat sie genügend Magie, um euch zu helfen."
"Wie denn?"
"Pflückt eine der Knospen. Und bewahrt sie auf eurer Reise sicher auf. Sie wird euch im Kampf gegen Han Shir helfen!"
"Vermutlich muss ich selber herausfinden, wie!"
"Das werdet ihr!" Die Elfenkönigin nickte. "Und nun müsst Ihr gehen!"
"Was ist mit Bibi?"
"Oh, ich bin froh, dass ich wieder zu Hause bin. Aber Du kannst Bork von mir grüßen!"

Es dauerte fast zwei Viertelmonde, bis Jergon den steinernen Wald erreichte und er erschien ihm jetzt noch unheimlicher als bei seinem ersten Besuch. Vielleicht lag es daran, dass es bereits zu dämmern begann. Leuchtende Augen starrten ihn aus dem Dickicht an und er hörte das Heulen und Winseln der Wesen der Finsternis.
Plötzlich sprang etwas mitten auf den Weg vor ihm. Jergon Pferd bäumte sich mit einem lauten Wiehern auf und ehe er sich versah, fand er sich auf dem Boden wieder und sah es davon galoppieren. Das Wesen jedoch, dessen zerrissene Kleider und fadenscheinige Stiefel den einzigen Hinweis darauf boten, dass es einmal menschlich gewesen war, beugte sich über ihn und Jergon blickte in die hässliche, verzerrte Fratze. Als es jedoch die silberne Lilienknospe erblickte, die aus Jergons Hemdtasche gefallen war, stieß es einen schrillen Angstlaut aus und verschwand im Wald.
Ächzend erhob sich der Abenteurer und klopfte sich den Staub von der Hose. Offenbar war der Palast nicht mehr weit entfernt und tatsächlich erblickte er in einiger Entfernung einen hellen Schimmer. Vorsichtig verstaute Jergon die filigrane Knospe in seiner Hosentasche und ging zielstrebig auf den Schein zu. Und tatsächlich. Der Wald begann sich zu lichten und mitten auf einer großen Lichtung erblickte er den Palast. Es war eine gigantische, dreiseitige Pyramide, die vollkommen aus Kristall bestand. Sie schimmerte in allen Farben des Regenbogens und schien aus ihrem Innern zu glühen, als würde darin ein Licht brennen. So schön sie aber auch auf den ersten Blick wirken mochte, barg sie doch tödliche Gefahren. Jergon schlich vorsichtig näher und umrundete das seltsame Bauwerk auf der Suche nach einem Eingang und entdeckte schließlich ein hohes Portal.
"Haltet ein Fremder!"
Der Prinz fuhr herum und erblickte eine hagere Gestalt, die ihn mit einem Schwert bedrohte. Und die Hand, die es hielt, war die Hand eines Skelettes.
"Wieso sollte ich mich von einem Gerippe aufhalten lassen?" fragte er dreist und grinste.
Die Augen unter der Kapuze glühten gefährlich.
"Da, nimm das!" Geschwind hatte Jergon in seine Proviantbeutel gegriffen und einen Apfel herausgeholt. Mit kräftigem Schwung warf er das Obst dem Gerippe an den Kopf.
Augenblicklich ertönte ein hölzernes Geklapper und das Skelett löste sich in seine Einzelteile auf. Wenig später lagen nur noch ein wenig beeindruckender Knochenhaufen und ein verblichenes Stück Stoff im Gras. Verblüfft hob Jergon den Umhang auf. Ein verblichenes Wappen war gerade noch zu erkennen. Dies war offenbar Prinz Janus von Urgunt gewesen, dessen ruheloser Geist im Wald umhergeirrt war.
"Armer Kerl!"
Er ließ den Fetzen fallen und durchschritt das Portal. Das Innere der Pyramide bestand aus einer einzigen riesigen Halle, die von einigen Fackeln und Feuerschalen nur spärlich erleuchtet wurde. Sie war fast völlig leer. Im Zentrum der Pyramide erhob sich eine schmale Wendeltreppe, die in einen Raum über der Halle führen musste. Jergon zog sein Schwert, bevor er begann die Stufen zu erklimmen. Er hatte das eigenartige Gefühl, dass jemand ihn beobachtete. Wo war der Magier? Der Raum, in den Jergon gelangte war um vieles kleiner als die Halle unter ihm und mit einigen Regalen, Truhen und einem Tisch ausgestattet. Doch die Wendeltreppe führte noch weiter nach oben und Jergon konnte über sich das leise Trappeln von Schritten hören. Seine Hand schloss sich noch fester um den Knauf seines Schwertes, als er die Treppe weiter hinauf stieg.
Dies war offenbar die Kuppel der gläsernen Pyramide. Im Zentrum des Raumes standen im Kreis verspiegelte Säulen, der in größer erscheinen ließ als er war. Und die Reflexionen machten ihn nahezu völlig unüberschaubar. Langsam ging Jergon um den Kreis der Säulen herum, bis ihm eine riesige Seilwinde den Weg versperrte. Sein Blick folgte der schweren Eisenkette, die sich in der Höhe der Kuppel verlor, und entdeckte daran aufgehängt einen Käfig. Ungläubig betrachtete er das Gebilde. Hielt der Magier dort die Prinzessin gefangen?
"Prinzessin?" rief er.
"Ich bin hier oben. Wer seid ihr?"
"Jergon. Ich bin gekommen, um euch zu befreien."
"Seid vorsichtig. Han Shir wird gleich wiederkommen."
"Ich beeile mich!" Jergon ging zurück zur Seilwinde und begann an der Kurbel zu drehen. Der Käfig schwebte langsam tiefer und tiefer.
"Halt!" Der Klang der gebieterischen Stimme hallte von den Wänden wieder.
Jergon fuhr herum und erblickte Han Shir. Er war jung, schön und verströmte pure Boshaftigkeit.
"Ihr seid der erste, der es bis hierher geschafft hat. Stehen euch die guten Mächte bei?" Er lachte höhnisch. "Sie werden euch nichts nützen."
Jergon begann an seinem Vorhaben zu zweifeln, als der Magier ihm einen Feuerball vor die Füße warf, den er aus dem Nichts herbei gezaubert hatte. Mit einem wagemutigen Sprung hechtete er zwischen den Säulen hindurch, die sein Spiegelbild vielfach reflektierten.
"Das nützt euch gar nichts. Die Spiegel werden euch nicht ewig verstecken."
"Lange genug", rief Jergon und trat gegen eine der Feuerschalen.
Sie schlitterte quer durch den Raum und kippte um. Glühende Kohlen kullerten vor Han Shirs Füße und entzündeten seinen Umhang, der lichterloh zu brennen begann. Doch seine Panik verflog binnen einiger Sekunden. Jergon huschte zwischen den Säulen hindurch und stieß noch ein paar weitere Feuerschalen um. Han Shirs Spiegelbild war überall zu sehen und seines ebenfalls. Der Magier stieß einen lauten Fluch aus, drehte und wendete sich, doch er wusste nicht, wo Jergon war. Zornig schleuderte er ein paar Feuerbälle in verschiedene Richtungen, aber keine erreichte ihr Ziel.
In diesem Moment fiel Jergon ein, dass er ja noch immer die Knospe der Lilie in der Tasche hatte. Ob nun der rechte Moment da war sie zu benutzen?
"Ihr seid ein Niemand. Ich wusste es."
Jergon spürte eine kalte Schwertspitze an seinem Hals.
"Ich brauchte nicht einmal meine Magie, um euch zu vernichten."
"Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben."
Grinsend hielt er die Knospe hoch und bemerkte, dass ihn der kalte Stahl nicht länger bedrohte.
"Was habt ihr da?" Die Stimme des Magiers hatte einen panischen Klang und Jergon sah verblüfft, dass er vor der Knospe zurückwich.
"Keine Ahnung", antwortete er wahrheitsgemäß und starrte die Knospe an.
In diesem Augenblick begann sie in seiner Hand ihre Blätter zu öffnen und winzige Tropfen goldenen Lichts begannen wie Funken aus ihrem Innern zu sprühen. Han Shir verfolgte das Geschehen reglos und ergeben. Und das überraschte Jergon noch mehr als die funkelnden Tropfen hellen Lichts die auf den Boden regneten. Offenbar barg diese sonderbare Blüte alle Mächte des Guten, denen der Magier nichts entgegen zu setzen hatte. Er machte keine Anstalten sich zu verteidigen oder auch nur zu fliehen. Derweil strömte immer mehr lichter Funkenregen aus der Blüte. Und das Licht sammelte sich auf dem Boden, blieb an den Wänden haften, löschte die Feuer in den Schalen. Nicht mehr lange und die Kuppel der Pyramide würde völlig von Licht überflutet sein.
"Das ist mein Tod!" Han Shirs Stimme klang brüchig.
Er sank auf die Knie und Jergon konnte ihm ansehen, dass sein Leben mit jedem Tropfen des magischen Lichts, der auf den Boden regnete, immer mehr schwand. Das Böse konnte im Licht des Guten nicht bestehen.
"So war es gedacht", erwiderte Jergon kalt und machte sich endlich daran, den Käfig herunter zu lassen.
Als er den Boden endlich berührte, ging Jergon hinüber und öffnete das Schloss. Höflich reichte er der Prinzessin seine Hand und half ihr auf die Beine. Dann erst gestattete er es sich, sie zu betrachten und befand sie für außergewöhnlich schön.
"Wie kann ich euch nur für meine Rettung danken?" fragte sie und musterte ihn mit ihren tiefblauen Augen einen Moment lang.
"Oh, nicht hierfür!" Er verneigte sich. "Nur, lasst uns bitte schnell von hier verschwinden."
"Mit Vergnügen!"
Jergon nahm ihre Hand und führte sie durch das wogende Licht, dass zu ihren Füßen war und die Gestalt des am Boden liegenden Magiers allmählich zu bedecken begann.
"Ist er tot?" fragte Felicia.
"Ja! Seht ihr nicht, wie seine Gestalt sich langsam aufzulösen beginnt?"
Was würde wohl geschehen, wenn die Knospe der goldenen Lilie voll erblüht war?

Prinzessin Felicia und Prinz Jergon hatten beinahe schon den Palast von Ilyban erreicht, als Jergon endlich das Schweigen brach, das ihn schon den ganzen Weg über zwischen ihnen geherrscht hatte.
"Prinzessin, euer Vater hat mir für eure Rettung eure Hand und den Thron versprochen, aber ich kann euch nicht heiraten!"
Felicia schien verblüfft. "Aber warum denn nicht. Es ist die Belohnung, die euch zusteht."
"Es liegt nicht an euch. Ihr seid schön und liebreizend und jeder Prinz wäre froh, euch zur Frau zu haben, aber ich bin nun mal ein Abenteurer."
"Ich danke euch für eure Ehrlichkeit."
"Sagte eurem Vater, dass er euch mit einem Mann vermählen soll, den ihr liebt." Jergon zügelte sein Pferd, denn in der Ferne tauchten die Mauern des Palastes auf. Dann reichte er ihr seine Hand und half ihr abzusteigen. "Ich werde ein neues Abenteuer suchen."
Felicia lächelte. "Ich wünsche euch viel Glück. Und habt Dank." Dann ging sie davon.

Als Jergon auf dem Weg nach Westen zu einem weit entfernten Meer ein letztes Mal den einst verwunschenen Wald durchquerte, bemerkte er, dass alles Unheilvolle und Düstere verschwunden war. Blumen wuchsen zwischen den steinernen Bäumen und Vögel zwitscherten. Und als der Prinz die Lichtung erreichte, stellte er fest, dass die Kristallpyramide nicht mehr an ihrem Platz war. Stattdessen wuchs dort ein wunderschöner Baum, in dessen hellem Laub kleine, goldene Blüten zu erkennen waren. Und diese sahen aus wie winzige Lilienblüten.

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Als Lysanda auf Burg Ascalon ankommt, um in den Dienst der Gräfin zu treten, ist niemand überrascht, dass sie Gilberts Stallmädchen wird. Schließlich ist sie eine ganz besondere junge Frau. Ein Feenkind. Aber nicht nur Lysanda umgibt ein Geheimnis. Warum hat die Gräfin ein so großes Interesse an Ihr? Weshalb kümmert sich die Hofdame Maria um sie, als wäre sie eine Prinzessin? Welchen Grund hat es, dass die Wäscherin Esmeralda sie ständig beobachtet? Und wieso versuchen alle Lysanda von Csander, dem Stallburschen, fernzuhalten? Welches Geheimnis birgt seine Person? Und was hat die Königin der Feen damit zu tun?
Lysanda schlägt alle Warnungen in den Wind und versucht das Mysterium zu ergründen. Ahnungslos gerät sie mitten in den tödlichen Kampf, zwischen Gut und Böse. Und am Ende ist es Lysanda, die das Schicksal Csanders und des Ganzen Reiches in den Händen hält.

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